Kommentar zum AWMF-Leitlinien-Entwurf, Kapitel 6

Die AWMF entwickelt gerade eine neue „S3-Leitlinie Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans*-Gesundheit: Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung“. Jetzt gibt es die Möglichkeit, den aktuellen Entwurf öffentlich zu kommentieren. Damit mein Kommentar nicht nur in die Tiefen des Leitlinienentwicklungsprozesses gehen, veröffentliche ich sie auch noch hier. Die Hauptüberschriften dieses Artikels entsprechen dabei den Hauptüberschriften der Leitlinie.

Da die Leitlinie lang ist, teile ich meine Kommentare in mehrere Posts auf. Dies ist der sechste Teil, der fünfte ist hier, der vierte hier, der dritte hier, der zweite hier und der erste ist hier.

6. Zur Vorbereitung somatischer Behandlungen

Unklar ist hier, warum „Alltagserfahrung“, also der bisher so genannte Alltagstest in diesem Kapitel genannt wird. Das deutet darauf hin, dass dies doch als Voraussetzung für somatische Behandlungen diskutiert wird.

Wichtig wäre hier auch zu erwähnen, dass soziale Transition und somatische Behandlungen voneinander unabhängig sein können. Es ist sowohl möglich, eine soziale Transition ohne somatische Behandlungen durchzuführen, als auch die somatischen Behandlung zu einem großen Teil abzuschließen, bevor ein öffentliches Outing erfolgt. Letzteres ist oft die „sicherere“, d.h. diskriminierungsärmste Methode. Wenn zum Zeitpunkt des sozialen Rollenwechsels das Körperbild so weit wie möglich schon passt, ist das weitestgehendste soziale Funktionieren möglich.

Wichtig ist hier zu beachten, dass der für das psychische Befinden kritischere Schritt meistens der soziale Rollenwechsel ist, und nicht einzelne somatische Maßnahmen. Ein vorzeitiger Rollenwechsel kann z.B. zu Umfeld- und Jobverlust führen und somit dramatische Auswirkungen auf die Biographie der betroffenen Person haben.

Zu den Empfehlungen

Alltagserfahrungen mit dem Wechsel von der bisherigen Geschlechtsrolle in eine andere stellen keine notwendige Voraussetzung für den Beginn somatischer Behandlungen zur Unterstützung einer Transition dar.

Richtig. Muss nur noch der MDS verstehen.

Alltagserfahrungen, bei denen sich Behandlungssuchende in der gewünschten Rolle erfahren, können aufschlussreich für die weitere Transition, für Entscheidungen für oder gegen transitionsunterstützende Behandlungen sowie für die Wahl der geeigneten Zeitpunkte sein.

Eine Transition wegen Problemen in der neuen sozialen Rolle (Diskriminierung) nicht zu machen, stellt sich meistens als Fehler heraus. Die psychische Situation verschlechtert sich dann meistens so lange, bis es nicht mehr anders geht, und die Menschen dann doch transitionieren – wenn sie es noch können. Somit können Alltagserfahrungen kein Indikator für oder gegen eine Transition sein. Sie können jedoch ein Indikator dafür sein, ob eine Transition zu einem gegebenen Zeitpunkt ratsam erscheint. Wenn die Diskriminierung zu viel wird, kann es sein, vielleicht weitere Maßnahmen (z.B. eine Stimmerhöhung) zu machen, bevor der soziale Wechsel durchgeführt wird.

Dafür ist es aber zum Einen nötig, dass körperliche Angleichungen schon vor der Alltagserfahrung durchgeführt werden können, und dass der soziale Rollenwechsel auch wieder rückgängig gemacht werden kann. Letzteres geht am leichtesten, wenn die Alltagserfahrungen nur punktuell, z.B. in einem Urlaub durchgeführt werden.

Für eine voll informierte soziale und medizinische Transition sind möglichst vielfältige Alltagserfahrungen zu empfehlen. Es sollte sich um ein individualisiertes Vorgehen handeln, das bei Vorliegen einer Indikation mit Beginn bspw. einer Hormonbehandlung, einer Entfernung der Gesichtsbehaarung oder einer Mastektomie einhergehen kann. Rücksicht genommen werden sollte auf Diskriminierungspotentiale.

Leben in der neuen sozialen Rolle ist der einschneidendste Transitionsschritt. Dieser muss am besten überlegt und geprüft werden. Das bedeutet, dass eine Alltagserfahrung zur Prüfung dieses Schritts ihn selbst natürlich noch nicht beinhalten kann. Sie wäre somit auch besondere Gelegenheiten, wie z.B. Urlaub beschränkt.

Wenn eine Alltagserfahrung nach sozialem Wechsel, Hormonbehandlung, Gesichtshaarentfernung bzw. Mastektomie durchgeführt wird, ist die Frage, für welche Entscheidung sie dann noch relevant sein soll? Für viele Menschen sind das schon alle Transitionsschritte, die sie überhaupt machen wollen. Und für fast alle Menschen fängt dann ein „normales“ Leben in der neuen sozialen Rolle an. Das ist dann kein „Test“ mehr, sondern Alltag.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Trans, Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Kommentar zum AWMF-Leitlinien-Entwurf, Kapitel 6

  1. Pingback: Kommentar zum AWMF-Leitlinien-Entwurf, Kapitel 7 | wunder2welt

  2. Pingback: Kommentar zum AWMF-Leitlinien-Entwurf, Kapitel 8 | wunder2welt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s