Kommentar zum AWMF-Leitlinien-Entwurf, Kapitel 5

Die AWMF entwickelt gerade eine neue „S3-Leitlinie Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans*-Gesundheit: Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung“. Jetzt gibt es die Möglichkeit, den aktuellen Entwurf öffentlich zu kommentieren. Damit mein Kommentar nicht nur in die Tiefen des Leitlinienentwicklungsprozesses gehen, veröffentliche ich sie auch noch hier. Die Hauptüberschriften dieses Artikels entsprechen dabei den Hauptüberschriften der Leitlinie.

Da die Leitlinie lang ist, teile ich meine Kommentare in mehrere Posts auf. Dies ist der fünfte Teil, der vierte ist hier, der dritte hier, der zweite hier und der erste ist hier.

5. Beratung und Psychotherapie

5.1. Beratung

Von Interesse ist ein Selbstbericht (Anonymus, 2004), in dem ein selbst betroffener Psychiater deutlich macht, dass psychodynamische Denkansätze inklusive der Konflikttheorie wenig zum Verständnis von Trans* und Transsexualität beitragen, dass diese Theorien aber im Zusammenhang mit Alltagsproblemen von trans* Personen bedeutsam sein können.

Das erscheint logisch, wenn Transgeschlechtlichkeit selber nicht als psychische Störung angesehen wird, die daraus entstehenden Alltagsprobleme jedoch schon.

Zu den Empfehlungen

Informative und Interventionsberatung hat vielfältige Aufgaben (z. B. Hilfe bei der Identitätsentwicklung, Umgang mit Coming-Out bezogenen Fragen, Aufzeigen unterschiedlicher Optionen, Unterstützung bei der Suche nach medizinischer Behandlung und/oder rechtlicher Beratung, Networking, Herstellen von Kontakt zu Community-basierter Beratung).

Ja, die hier genannten Punkte sind wichtige Aspekte von Beratung.

5.2. Edukation zur Reproduktion

Zu den Empfehlungen

Maßnahmen der Reproduktionsmedizin sind eine wichtige Option zur Erfüllung eines Kinderwunsches bei trans* Personen, weswegen Informationen über diese Maßnahmen Bestandteil von Beratungen sein sollen.

Interessant sind hier auch die jeweils gültigen rechtlichen und ähnlichen Einschränkungen (z.B. Verbot der Leihmutterschaft, Einschränkungen bei der reproduktiven Unterstützung gleichgeschlechtlicher Paare).

5.3. Psychotherapie

Hier ist es m.E. wichtig zu betonen, dass eine stärkere Identifizierung mit dem zugewiesenen Geschlecht psychotherapeutisch nicht erreichbar ist und nicht mehr als ethische Intervention angesehen wird. (siehe WPATH SoC). Somit bleibt für die Psychotherapie als Aufgaben noch

  • Exploration verschiedener Möglichkeiten, die vom Zuweisungsgeschlecht abweichende Geschlechtsidentität zu leben (wie im Kapitel genannt z.B. zeitweiser oder vollständiger Rollenwechsel, somatische Maßnahmen etc.)
  • Begleitung bei auftretenden Alltagsproblemen wie Diskriminierung, Jobverlust etc.
  • Behandlung von Folge- oder Begleiterkrankungen wie PTBS.

Dennoch liegen Studien vor, die andeuten, dass Psychotherapie die Geschlechtsdysphorie zu mindern vermag (z.B. Bockting et al., 2006)

Ich konnte bei Bocking et. al. nichts dazu finden. Hier wäre eine genauere Quellenangabe wichtig.

Zu den Empfehlungen

Psychotherapie kann zur Minderung der Geschlechtsdysphorie beitragen und stellt eine Behandlungsmethode der Wahl bei begleitenden psychischen Störungen dar.

Für die Aussage „Minderung der Geschlechtsdysphorie“ erscheint mir die Studienlage zu dünn. Im Gegenteil wird von solchen Versuchen in der Zwischenzeit deutlich abgeraten. Wie begleitende psychische Störungen behandelt werden sollen, sollte im Zusammenhang mit den jeweiligen Störungen besprochen werden. Dies ist unabhängig von einer gleichzeitig vorliegenden Transgeschlechtlichkeit. Wie in Kapitel 3 angegeben ist es ja auch noch so, dass klassische psychotherapeutische Verfahren bei einigen der Folgeprobleme nicht mehr richtig greifen (Minderheitenstress vs. PTBS).

Psychotherapie soll nicht ohne spezifische Indikation angewandt und keinesfalls als Voraussetzung für somatische Behandlungen gesehen werden. Die Indikation ist nach den Vorgaben der Psychotherapierichtlinie zu stellen.

Richtig. Hier bleibt zu hoffen, dass sich dieses Wissen auch beim MDS bildet.

 

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