Ehefrauen von Transfrauen

Ich habe in Transkreisen immer wieder ein ganz bestimmtes Muster gesehen, was oft viele Konflikte verursacht, deswegen möchte ich mal näher darauf eingehen. Wichtig ist mir hier dabei, dass es mir nicht darum geht, dass es bei allen Transmenschen so ist, oder in allen Beziehungen so läuft, aber die Dynamik, die ich hier beschreiben möchte, passiert eben doch immer wieder:

Viele Transfrauen versuchen lange, ihre Transgeschlechtlichkeit geheim zu halten, oft auch vor sich selbst und bemühen sich, ein möglichst unauffälliges Leben als Mann zu leben. Dabei heiraten sie oft auch, bekommen auch Kinder und leben ein ziemliches Bilderbuch-Kleinfamilienleben.

Mit der Zeit wird der Druck, die weibliche Geschlechtsidentität auszuleben, immer stärker. Das wird meist erst im Verborgenen ausgelebt, oft auch vor der eigenen Frau versteckt oder als einen Spleen, der mal auf dem Fasching o.ä. ausgelebt wird, dargestellt. Irgendwann geht es aber nicht mehr anders und es kommt das Coming Out, was dann oft für die Partnerin ein großer Schock ist. Warum das so ist, und was dann möglich ist, möchte ich im Folgenden beschreiben:

Ein bisschen ist der Schock nachvollziehbar, die Partnerinnen haben ja oft das Gefühl gehabt, in einer heilen Welt zu leben (Mann, Kinder, oft auch Haus und finanzielle Sicherheit, gute soziale Integration etc.) und für sie wird plötzlich anders, mit der (teilweise berechtigten) Angst, das Meiste davon (z.B. soziales Umfeld, finanzielle Sicherheit, gutes Umfeld für die Kinder) zu verlieren. Anders als die transitionierende Partnerin haben sie sich ja nicht schon Jahre/Jahrzehnte damit auseinandergesetzt und bewusst den Entschluss gefasst, das alles für die Möglichkeit, sie selbst zu sein, aufzugeben. Da wird das häufig als plötzlich und als egoistisch erlebt.

Dazu kommen oft noch klischeehafte Vorstellungen über Transgeschlechtlichkeit, die zu einer Abwertung der Partnerin führen können. Manchmal lässt sich das kitten, in dem geduldig aufgeklärt wird, das eigene Erleben transparent gemacht wird, und intensiv auf die Ängste der Partnerin eingegangen wird. Manchmal klappt es auch nicht. Es ist auch stark eine Frage des Umfelds, wenn das positiv ist, sind die Ängste der Partnerin (berechtigterweise) auch nicht so groß und sie wird nicht zu irgendetwas gedrängt.

Außerdem ist es natürlich so, das Partnerinnen die komplett hetero sind, sich nicht unbedingt eine Beziehung mit einer Frau vorstellen können. Das ist auch verständlich, und da bleibt manchmal nur ein kontrolliertes Auflösen der Beziehung, wo, wenn es gut läuft, noch eine Freundschaft übrigbleiben kann.

Zusätzlich gibt es noch das Gefühl des Betrogen-Seins auf Seiten der Partnerin, da die transitionierende Partnerin ja praktisch ein Doppelleben über viele Jahre enthüllt, damit also auch sagt, dass sie einen Teil von sich vor der Partnerin verborgen hat. Wie man sieht, tat sie das aus gutem Grund, trotzdem hat die Partnerin gedacht, dass sie alles wichtige über ihre Partnerin weiß, und ist dann sehr enttäuscht, wenn es nicht so ist.

Wie es dann weitergehen kann, ist unterschiedlich. Es gibt viel Drama und Ablehnung, und oft den Versuch, der Partnerin die Transition auszureden. Das halte ich für nicht praktikabel. Es ist m.E. für Transfrauen nur in wenigen Fällen möglich, ihre Identität auf ein paar Mal Ausgehen und evtl. ein paar weibliche Accessoires im ansonsten männlichen Outfit zu beschränken (solche Vorschläge kommen oft), meistens können sie ohne eine komplette Transition keinen Frieden finden, und dieser fehlende Frieden belastet die Beziehung langfristig so stark, dass sie auch keine Zukunft hat – abgesehen davon, dass die Transfrau unglücklich ist.

Wenn die Partnerin die Transition nicht akzeptieren kann – manchmal dauert es eine Weile, der Schock muss sich erst legen, es muss erst Gewöhnung an die neue Situation stattfinden – dann bringt es aus meiner Sicht eigentlich nichts, die Beziehung aufrecht zu erhalten. Das ist dann wirklich der Schrecken ohne Ende statt dem Ende mit Schrecken.

Ansonsten ist dann noch die Frage, ob die Partnerin die Transfrau immer noch sexuell und/oder romantisch anziehend findet. Dabei geht es oft viel darum, sich über das eigene Begehren klar zu werden, und eigenes nicht-heteronormatives Begehren zu akzeptieren. Ich habe es häufiger gesehen, dass die oft unbewusst wahrgenommene Geschlechtsnonkonformität der transitionierenden Person auch ein Anziehungspunkt war, warum die Partnerin überhaupt die transitionierende Person attraktiv fand. Das aber anzuerkennen kann viel des eigenen Selbstverständnis in Frage stellen und ist nicht leicht. Viele drücken sich vor dieser „Arbeit“ und beenden dann lieber die Beziehung (ok, vor allem habe ich das bisher bei Männern, die mit Transmännern zusammen waren, gesehen). Wenn also weiterhin eine Anziehung da ist, und die auch zugegeben wird, dann kann die Beziehung auch weitergehen. Ich finde es aber auch völlig legitim, wenn das eben nicht mehr der Fall ist und die Beziehung dann gemeinsam beendet wird. Menschen riechen je nach Hormonstatus ja z.B. anders, und wer tatsächlich monosexuell ist, wird die Person mit dem anderen Geruch vielleicht einfach nicht mehr anziehend finden.

Auch ohne sexuelle oder romantische Anziehung bleiben Menschen manchmal zusammen. Oft aus Gewohnheit oder Bequemlichkeit oder weil die Beziehung schon vorher eigentlich mehr eine Freundschaft oder praktische Partnerschaft war. Das kann also auch gut funktionieren. Manchmal will die transitionierende Person dann aber ihre Sexualität neu ausprobieren, die ihr ja vor der Transition eher fremd war, und dann ist die Frage ob die Partnerin das außerhalb der Beziehung erlauben kann.

Soweit mal meine Gedanken dazu. Mir ist wichtig, dass die verschiedenen Reaktionen von Partner_innen oft eigentlich sehr nachvollziehbar sind, auch wenn sie verletzend sind, dass es aber meistens nichts bringt, wegen der Partnerin die Transition nicht zu machen.

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