Alltägliche Übergriffe und Traumabearbeitung, Community und andere Fragen

Inhaltsinfo: Übergriffe und Trauma, Transphobie, Sexismus und so.

Ich habe ja schon zwei Beiträge über meine Versuche der Traumabearbeitung geschrieben und dann war lange Ruhe zu dem Thema. Jetzt möchte ich das Ganze noch einmal aufgreifen und meine verbliebenen Überlegungen zu Ende führen und ein kurzes Update über meine Versuche geben. 

Illusion of Control

Über einen eher harmlosen BBC-Beitrag, bin ich wieder auf ein Konzept gestoßen, was in vielen therapeutischen Richtungen, vor allem auch in den „inoffiziellen“ wie Coaching oder „Spirituellem“ auftaucht:

Wenn Du das Gefühl hast, Dein Schicksal unter Kontrolle zu haben, geht’s Dir gut.

Dass das oft gar nicht möglich ist, wird ignoriert, bzw. es reicht das Gefühl, dass es so wäre. Das treibt dann mitunter sehr seltsame Blüten.

Aus dem Coaching-Bereich kenne (über Ecken, aber glaubwürdig) einen Fall, wo ein Coach bei einem Vergewaltigungsopfer letztlich victim-blaming betrieben hat, indem er meinte, dass  ja die Persönlichkeitstruktur der Betroffenen, bzw. ihre Haltung diesen Vorfall, bzw. den Täter eingeladen hätte die Tat zu begehen. Er entschuldigte nicht die Tat oder sagte, dass es ihre Schuld gewesen wäre, ich halte das aber trotzdem für victim blaming.

Und das Freakige an der Sache: laut Aussage meines_r Informant_in fühlte sich die Betroffene nach dieser Bearbeitung ihres Erlebnisses besser. Die Tatsache, dass Schuldumkehr auch von (potentiell) Betroffenen genutzt wird, um sich eine Illusion zu verschaffen, das sie eine Kontrolle darüber hätten, ob sie Opfer einer sexualisierten Gewalttat werden, wurde ja auch wissenschaftlich untersucht (finde die Referenzen nicht mehr, Gerd Bohner hat m.W. aber dazu geschrieben).

Ich denke, dass kann tatsächlich bei Trauma funktionieren, wenn jemand denken kann, dass eine bestimmte traumatische Situation nur wegen eines bestimmten Verhaltens passieren konnte, dann kann es ein Gefühl der Sicherheit geben, da 1 ja nur dieses entsprechende Verhalten vermeiden muss, und das Gleiche kann nicht mehr passieren. Das kann dann zu einer ziemlichen Entspannung führen. Und dabei ist es ziemlich egal, welches Verhalten vermieden sollte, ich könnte z.B. glauben, dass ich in der angesprochenen Situation nicht so selbstbewusst hätte auftreten sollen, oder auch, dass ich immer Pfefferspray dabei haben sollte.

Das funktioniert natürlich nur mit einer entsprechenden Fähigkeit zum Selbstbetrug, denn meistens stimmt ja die Einschätzung nicht, viele traumatische Situationen können einfach aus dem Nichts passieren und strukturelle Gründe, wie eine bestimmte diskriminierte gesellschaftliche Position sind oft viel ausschlaggebender als das individuelle Verhalten. Sollten dann weitere Situationen passieren, bricht diese coping strategy entweder zusammen, oder erzeugt eine ziemliche kognitive Dissonanz, die dann auch wieder zur Realitätsverlust oder anderen Problemen führen kann.

Also: nee, lieber nicht.

Self-Care

In letzter Zeit wurde viel über Self-Care gesprochen (es gab sogar letztens ein Zine dazu), was ich als Auf-Sich-Aufpassen und Für-Sich-Sorgen verstehe, insbesondere mit dem Ziel, burn-out zu vermeiden. Hierbei geht es oft darum, Pausen zu machen, sich selbst etwas gutes zu tun, und das Gefühl, zu mehr Mitarbeit verpflichtet zu sein (besonders als Aktivist_in), als sinnvoll, zu vermeiden und zurückzuweisen.

Das halte ich durchaus für sinnvoll, auch z.B. in der Form, sich nach einer traumatischen Erfahrung erst einmal zurückzunehmen und sich Zeit für die Verarbeitung zu nehmen etc. Aber ich glaube nicht, dass es an der grundlegenden Situation und gemachten Erfahrung etwas ändern kann, es hilft im Wesentlichen dagegen, dass es durch „Verschleppen“ und durch zusätzliche andere Belastungen schlimmer wird. Alleine kann 1 eben nur begrenzt etwas ausrichten, deswegen:

Community-Care

In einem recht viel diskutierten Artikel wird ein Ende des Self-Care gefordert und stattdessen Community-Care vorgeschlagen. Ähnlich wie Self-Care fokussiert der Artikel stark auf aktivistische Communities, ich möchte hier ein paar allgemeinere Überlegungen machen, auch wenn ich eine Community die sich gegenseitig bei Diskriminierungserfahrungen unterstützt per se schon als aktivistisch ansehen würde, auch dann, wenn sie keine explizite Arbeit „nach außen“ macht. Aber das ist ein Thema für einen anderen Post.

Also, wie stelle ich mir Community-Care vor:

Traumatische Situationen dürfen sein

Das klingt wie „hä? Ist doch logisch!“, kristallisiert sich für mich aber als einer wichtigsten Punkte dafür heraus, dass eine Community (ich drücke mich hier mal um eine Definition) als unterstützend für Menschen mit traumatischen Erfahrungen (oder ähnlichen „Beeinträchtigungen“). Oft haben Communities einen „happy-clappy“ oder einen coolen Umgangston, in dem die Thematisierung einer traumatischen Erfahrung oder einer emotionale Belastung wie eine große Störung wahrgenommen würde, was Menschen in einer solchen Situation davon abhalten kann, etwas zu sagen, und somit, ggf. Unterstützung zu bekommen.

Wenn hingegen klar ist, dass solche Situationen passieren können, und dass es passieren kann, dass Menschen Unterstützung brauchen, dann kann auch dafür gesorgt werden, dass das passiert. Dafür wird dann vielleicht nicht der Spieleabend unterbrochen aber vielleicht finden sich ein/zwei Menschen, die sich mit der Person, die gerade etwas angesprochen hat, an einen ruhigen Ort zurückziehen. Und: es ist „normal“ (im Sinne von „es darf passieren“), dass Menschen nicht gut drauf sind, oder mal eine schwierige Situation, die sie erlebt haben, ansprechen, so dass traumatisierte Menschen nicht das Gefühl haben müssen, „heile Welt“ vorzuspielen, wenn sie an Gruppenaktivitäten teilnehmen wollen. Dadurch kann Isolation vermieden werden, die evtl. eine der schlimmsten längerfristigen Folge eines Traumas ist. Ich vermute ja, dass das entsprechende Diagnosekriterium „Gefühl der Losgelöstheit oder Entfremdung von anderen“ (siehe Wikipedia) eine Folge des Fehlens einer solchen unterstützenden Umgebung ist.

Jede_r ist Unterstützte_r und Unterstützende_r

Wenn sich Hilfsangebote professionalisieren habe ich häufig erlebt, dass eine starke Trennung zwischen den Helfenden und den Hilfsbedürftigen entsteht. Die einen dürfen nicht schwach sein und müssen mit jeder Problematik klarkommen, die an sie herangetreten wird, und die anderen brauchen nur Hilfe und sind im Rahmen des Hilfsangebots ansonsten passiv.

Gerade  in Communities, die sich um eine gemeinsame Diskriminierungserfahrung gruppieren, halte ich diese Trennung für Quatsch. Hier kann jede_r sowohl Hilfe geben, als auch Hilfe benötigen. Mal mehr das eine und mal das andere, aber auch beides gleichzeitig. Dazu gehört auch, dass es ok sein muss, keine Hilfe geben zu können, weil es 1 überfordern würde oder 1 gerade genug mit sich selbst zu tun hat. Da ist dann wieder eine funktionierende Community hilfreich, wo dann an jemand anders weitergegeben werden kann.

Niemand muss jemand „heilen“

Dass das Konzept von „Heilung“ in Bezug auf Trauma oder allgemein psychische Beeinträchtigungen nicht so richtig passt, wäre noch einen eigenen Beitrag wert. Mir geht es hier aber vor allem darum, Erwartungsdruck zu reduzieren.

Ich glaube, ein Grund, warum gegenseitige Unterstützung oft schwierig wird, ist, dass Menschen glauben, sie müssten erreichen, dass es der anderen Person wieder gut geht. Das halte ich für eine Überforderung und für oft unrealistisch und auch gar nicht nötig. Gerade wenn Menschen an struktureller Diskriminierung leiden, geht diese ja nicht dadurch weg, dass jemand für sie da ist. Und auch sonst gibt es viele Gründe, warum der Einfluss eines Menschen auf einen anderen sehr begrenzt sein kann – ganz abgesehen davon, dass Menschen auch immer nur begrenzte Ressourcen haben und mit Situationen anderer Menschen auch überfordert sein können.

Trotzdem denke ich, dass Nicht-Allein-Sein, Da/So-Sein-Dürfen, Austauschmöglichkeiten, also allgemein Begleitung schon viel Unterstützung bedeuten kann. Und gerade, wenn die Unterstützung auf eine Gruppe verteilt ist, das auch ohne Überlastung der Gruppe gehen kann. In gewisser Weise braucht es da wieder Self-Care der Unterstützenden, damit die Unterstützung für sie nicht zu viel wird.

Gibt’s so etwas?

Hmm, ich weiß es nicht. Ich sehe immer wieder gute gegenseitige Unterstützung gerade in der „queeren Community“ (soweit es so etwas gibt), es erscheint mir aber etwas unverbindlich, das typische urbane Leben mit Menschen, die einzeln oder in irgendwelchen WGs leben und sich ab und zu zum Treffen verabreden, scheint nicht so geeignet dafür zu sein, verlässliche Strukturen aufzubauen. Sophia Gubb hat diese Erfahrung gerade auch beschrieben.

Ich glaube, eine Schwierigkeit entsteht, wenn sich die Menge der Diskriminierungserfahrungen, die die Personen in einer Community machen, stark unterscheidet. Dann wollen die Menschen in einer schwierigeren Situation ungern das (mindestens in ihrer Wahrnehmung) einfachere Leben der anderen stören oder sie haben das Gefühl, mit ihren Erfahrungen nicht so sehr da sein zu dürfen und werden dann passiv-aggressiv o.ä. um irgendwie doch noch ihr Lebensgefühl sichtbar zu machen. Umgekehrt kann es mehr oder weniger unbewusstes Abwehrverhalten geben, um sich nicht mit belastenden Lebenssituationen auseinandersetzen zu müssen.

Eigentlich wäre es gut, wenn Communities Menschen in unterschiedlichen sozialen Positionen zusammenbringen würden, da dann evtl. mehr gegenseitige Unterstützung möglich wäre, als wenn alle an den gleichen Themen knabbern. Das geht aber nur, wenn viel Raum für das gegenseitige Verstehen und Zuhören da ist. Und eben die Mglichkeit sagen zu können, dass etwas gerade 1 überfordert.

Fragen über Fragen

Bei dieser ganzen Suche und diesen Überlegungen sind immer wieder einigeFragen aufgetaucht, die ich hier mal kurz ansprechen möchte:

Wie gefährlich ist die Welt?

Einige Traumafolgen können ja auch so beschrieben werden, dass sich die Einschätzung, wie gefährlich die Welt, bzw. das eigene Leben, durch die traumatische Erfahrung radikal geändert hat. Damit stellt sich die Frage, was denn jetzt stimmt, die alte oder die neue Einschätzung? Wahrscheinlich irgendetwas dazwischen, aber hier zu einer realistischen Einschätzung zu kommen (und diese Einschätzung dann zu inkorporieren), ist wohl ein wichtiger Schritt in der Traumabearbeitung.

Wenn hier eher die neue Einschätzung stimmen würde, dass also die eigene Lebenssituation sehr gefährlich ist, wären einige Traumafolgen, wie „Hypervigilanz“, ja einfach nur vernünftiges Verhalten. Und die unterschiedliche Einschätzung der Gefährlichkeit im Verhältnis zur Einschätzung der Mitmenschen kann auch ein Grund für Isolierung sein – das Lebensgefühl ist dadurch einfach anders.

Ich habe das Gefühl, dass viele psychologische Konzepte ziemlich privilegierte Menschen im Blick haben. Das ist ja auch irgendwie logisch, da diese Menschen diejenigen sind, die sich am Ehesten psychologische Unterstützung leisten können – ob jetzt über Selbstzahlung oder über den Zugang zum jeweiligen Gesundheitssystem.

Deswegen versuchen sie wohl auch häufig, Menschen in eine Gefährlichkeitsabschätzung zurück zu bewegen, in der von einer im allgemeinen sicheren Welt ausgegangen wird. Ich glaube, dass das für viele Menschen in weniger privilegierten sozialen Position einfach nicht stimmt, egal ob es sich dabei jetzt um Angst vor racial profiling, transphober Gewalt, häuslicher Gewalt oder Arbeitsplatzverlust ohne soziale Sicherung handelt. Dann können diese Konzepte nicht richtig greifen, da braucht es erst einmal die Anerkennung, „ja, Dein Leben ist gefährlich“, und dann muss wahrscheinlich erst einmal das Therapiekonzept umgeschrieben werden, wenn das überhaupt geht.

Darf ich zusammenklappen?

Das ist eine Frage, die ich mir immer wieder gestellt habe, und die ich typischerweise mit „Nein“ beantwortet habe. Zu viele Lebensperspektiven (z.B. Job) würden wahrscheinlich dadurch verloren gehen. Immer wieder habe ich von anderen Menschen mit psychischen Belastungen erfahren, dass sie irgendeine Form von Zusammenbruch hatten und war dann teilweise darauf neidisch, auf die Möglichkeit, alle Verantwortung sausen zu lassen, die eigenen Befindlichkeiten ernst zu nehmen und danach zu handeln.

Unklar bleibt dabei aber, ob sie tatsächlich eine Möglichkeit zum Zusammenklappen hatten, d.h. ein Netz hatten (ob jetzt aus Freunden, Familie oder offiziellen Unterstützungsmöglichkeiten wie Kliniken) hatten, und es sich deswegen „erlauben“ konnten, oder ob es einfach überhaupt nicht anders ging, die Kräfte einfach vollständig versagt haben. Das lässt sich vielleicht auch nicht immer sinnvoll unterscheiden, am Ehesten noch daran, ob sie anschließend tatsächlich irgendwie aufgefangen wurden – oder eben nicht.

Klar ist auf jeden Fall, dass zum Einen die Wahrnehmung darüber, wie groß die Risiken eines „Zusammenklappens“ sind, sehr unterschiedlich ist, und dann auch die tatsächlichen Risiken. Wenn 1, z.B. als Elternteil, für andere verantwortlich ist, geht es schon einmal viel schlechter – oder eben wenn das schon angesprochene Netz, das Auffangen könnte, entsprechend löchrig ist.

Was passiert bei Selbstreflexion?

Die allermeisten Therapierichtungen und auch viele spirituelle Praktiken bauen auf Selbstreflexion auf,  insbesondere darauf, dass 1 den eigenen Gefühlen nicht mehr einfach so ausgeliefert ist, sondern sie beobachtet und dadurch eine Distanz schafft und mehr Handlungsmöglichkeiten bekommt. Vereinfacht lässt sich hier eine Entwicklung in Schritten beschreiben:

  • Ich bin meine Gefühle
  • Ich habe meine Gefühle
  • Ich beobachte meine Gefühle

Ähnlich ist es  mit Handeln, hier soll der Weg von einem unmittelbaren Handeln, wie es sich gerade ergibt hin zu einem Wahrnehmen der eigenen Impulse und einem überlegten Ausagieren, wenn es hilfreich ist, und ansonsten eben nicht, führen.

Das ist alles sehr praktisch, um z.B. zu vermeiden, von den eigenen Gefühlen überwältigt zu werden oder mehr Handlungsmöglichkeiten zu haben, als das, was der erste Impuls sagt. In verschiedenen Kreisen gilt es sogar als gute Charaktereigenschaft, wenn jemand als „reflektiert“ beschrieben wird. Das passt auch irgendwie, der Umgang mit einer solchen Person kann viel einfacher sein, weil sie ggf. besser beschreiben kann, was mit ihr gerade los ist, und auch in stark emotionalen Situationen sinnvoll handeln kann und sozusagen noch „erreichbar“ ist.

Andererseits geht m.E. durch dieses starke Selbst-Reflektieren auch viel verloren. Ich glaube, das Schwierigste ist emotionale Nähe zu anderen Personen: da ja schon eine Distanz zur eigenen Emotionalität aufgebaut ist, ist es schwieriger eine direkt emotionale Verbindung zu jemand anders aufzubauen, da funkt dann die Beobachtung dessen, was gerade passiert, gerne dazwischen. Außerdem unterscheidet sich die Weltwahrnehmung einer reflektierten Person ja von der einer nicht so stark reflektierenden Person, auch dadurch wird es schwieriger, Nähe herzustellen.

Außerdem halte ich in der Zwischenzeit unmittelbares Erleben auch für einen Wert an sich, aber das ist sicher diskutierbar. Vielleicht ist die wahre Kunst das bewusste Ein- und Ausschalten von Reflexion je nach Situation, das ist aber schon ziemlich viel verlangt.

Wodurch entsteht Vertrauen?

In meinem Kontakt mit diversen „Praktiker_innen“ (Behandler_innen, Therapeut_innen etc.) hat sich für mich immer wieder als Knackpunkt herausgestellt, dass ich Vertrauen zu dieser Person haben muss, damit in einer wie auch immer gearteten Begleitung etwas passieren kann. Und dieses Vertrauen war praktisch schon beim ersten Kontakt mit der entsprechenden Person da – oder eben auch nicht. Dies war zuallererst nur ein Bauchgefühl, mit dem oft auch die verstandesmäßige Einschätzung im Widerspruch stand. Soweit ich mich erinnern kann, hat sich dieses Bauchgefühl immer bestätigt.

Ich habe mich dann gefragt, was es genau ist, was ich hier brauche, damit dieses Vertrauen da sein kann, was mein Bauchgefühl hier sucht, und welche Eigenschaften einer Person dazu führen, dass das Vertrauen da ist. Das Bild dazu ist relativ klar, die Person muss mich und meine Befindlichkeit/meine Erfahrungen „halten“ können. Was das genau ist, ist aber nicht so klar. Ich glaube, es ist zum Einen die Einschätzung, dass sie mit den Themen, mit denen ich zu ihr komme, nicht überfordert sein wird, und zum Andern, dass sie sie irgendwie nachfühlen kann, also empathisch damit umgehen kann. Wie mein Bauchgefühl das in den ersten Minuten des Kontakts festzustellen glaubt – keine Ahnung.

Ich habe mich dann gefragt, was eine Person dazu befähigen könnte, dieses „Halten“ zu können. Immer wieder bin ich darauf gestoßen, dass sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben sollte, aber die Stärke besitzen sollte, gut damit umzugehen. Das erscheint mir irgendwie zu einfach, bzw. zu einschränkend, wieso soll sich jemand nicht auch das entsprechende (auch emotionale) Wissen aneignen können, ohne selber entsprechende Erfahrungen zu machen? Und schwierige Erfahrungen gemacht zu haben bedeuten ja auch nicht automatisch eine Eignung dafür, anderen dabei weiterzuhelfen, das kann ja z.B. auch dazu führen, dass die professionelle Distanz, die für einen sicheren Rahmen der Begleitung nötig ist, fehlt.

So richtig bin ich mit den Überlegungen nicht weitergekommen, ich finde es also schwierig, z.B. anhand von Ausbildungen oder Lebenslauf einer „Behandlerin“ erkennen zu können, ob sie mir weiterhelfen kann oder nicht. Was aber sehr gut funktioniert, ist das Bauchgefühl. Es scheint sich nicht zu lohnen, eine therapeutische Beziehung länger laufen zu lassen, wenn das Bauchgefühl sagt „nee, lass mal, das bringt nichts“.

Und was hat geholfen? FFS und Gewöhnung

Irgendwie hatte ich ja ein halbes Jahr keine großen Neuigkeiten zum Thema, und eigentlich kann ich auch sagen, dass das Thema, wegen dem ich ursprünglich Unterstützung gesucht habe, nicht mehr drängend ist – auch wenn ich das hauptsächlich daran merke, dass jetzt andere, ältere Themen nach Bearbeitung rufen.

Also, was denn dann geholfen? Letztlich muss ich zum aktuellen Zeitpunkt sagen „nichts von alledem“, jedenfalls nicht in einer eindeutigen Weise, die ich benennen könnte. Was wohl am Meisten geholfen hat, war FFS, d.h. eine Gesichtsfeminisierung. Seitdem werde ich meistens auf den ersten Blick als Frau wahrgenommen, was den Alltagsstress, und auch die Angst vor Übergriffen, stark reduziert hat. Dadurch ist mein Leben wieder lebbar geworden und es fühlt sich auch so an, als ob es gestaltbar wäre, ich mich also auch wieder um andere Dinge als Transgeschlechtlichkeit kümmern kann.

Die zweite Sache, die wohl geholfen hat, war ganz einfach „Gewöhnung“. Ja, ich habe jetzt ein größeres Risiko von Übergriffen als vor meiner Transition, aber ich habe auch gelernt, es abzuschätzen und weiß jetzt besser, wann ich in Vorsichtsmodus gehen muss, und wann ich mich entspannen kann. Und auch hier hat die FFS geholfen, weil das Risiko von transphoben Übergriffen deutlich kleiner geworden ist (wenn auch jetzt das neue Risiko, „entdeckt“ zu werden, dazu gekommen ist), und außerdem einiges an Diskriminierung von Transphobie zu Sexismus gewechselt ist, und ich dafür einfach mehr Unterstützung und Austausch habe.

Und die Moral von der Geschicht?

… gibt es nicht🙂. Im Ernst, ich erkenne keine wirkliche „Lösung“, es gibt mehr neue Fragen als Antworten. Was mir in letzter Zeit immer deutlicher wird, ist, wie viel Entspannung Anpassung tatsächlich bringen kann, ob jetzt durch Anpassung meines Körpers an gesellschaftliche Vorstellungen durch Gesichtsfeminisierung, oder durch das Akzeptieren und irgendwie In-Das-Leben-Integrieren von Diskriminierung. Das ist nicht toll, und auch nicht politisch sinnvoll, ich finde Abwägungsentscheidungen, wo 1 die eigene Persönlichkeit lebt, und wo 1 bescheuerte Spiele mitspielt um keinen Stress zu haben, sehr nachvollziehbar. Der nächste Schritt wäre noch, dass es beim Mitspielen sehr hilfreich ist, die entsprechenden bescheuerten Spielregeln zu internalisieren um nicht ständig mit kognitiver Dissonanz leben zu müssen, aber damit gerate ich dann endgültig auf Glatteis und hebe mir das für einen neuen Beitrag auf.

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4 Antworten zu Alltägliche Übergriffe und Traumabearbeitung, Community und andere Fragen

  1. sellmaeth schreibt:

    Du sprichst da einen wichtigen Punkt an: Therapien die von einer harmlosen Umgebung ausgehen sind in den meisten Fällen von nicht kriegsbedingtem (ich meine jetzt bei Soldaten in Auslandseinsätzen) Trauma einfach Quatsch. Du fühlst dich jetzt durch die Gesichtsfeminisierung sicherer … gratuliere, dein Risiko vergewaltigt zu werden ist jetzt auf dem normalen Niveau für Frauen. Was … wie ging die Statistik? Eine von sechs? Jedenfalls immer noch ziemlich beschissen ist.

    Gerade Frauen die einmal vergewaltigt wurden, tun gut daran, eine Angst vor Männern zu entwickeln, die ein Therapeut irrational nennen würde. Es ist immerhin bekannt, dass sich Vergewaltiger bevorzugt Personen die schon traumatisiert sind als Opfer ausgucken. Eine sinnvolle Therapie würde anerkennen, dass diese Gefahr besteht, und darauf abzielen, die Anzeichen an denen diese Typen sich orientieren loszuwerden. (Was natürlich eine Strategie ist, die dafür sorgt, dass es halt eine Andere trifft. Auch scheiße, aber aufs Individuum bezogen hilfreicher)

    • tina201301 schreibt:

      Ja, dass Ängste einfach auch rational berechtigt sein können und es überhaupt keinen Sinn macht, sie einfach so loszuwerden, passt in die meisten Therapiekonzepte nicht rein – und wahrscheinlich nicht einmal in die Weltbilder vieler Therapeut_innen. Da habe ich mehr Hoffnung, dass Community-orientierte Ansätze gute Lösungen entwickeln können.
      Ich glaube, die Strategie, die ich mir angeeignet habe, ist mehr, die Gefährlichkeit von Situationen abzuschätzen und meinen Aufmerksamkeits- und Schutzlevel entsprechend hoch- und ‚runterzufahren. Aber wenn ich es mir genau überlege gehört zu den Schutzmechanismen, die ich einsetze auch so etwas, wie was Du beschreibst: z.B. eine Haltung einnehmen, die möglichst wenig nach „Opfer“ aussieht.
      So ganz hat sich meine Gefährlichkeitswahrnehmung aber noch nicht umgestellt, ich habe immer noch eine relativ große Angst vor trans- bzw. homophoben Übergriffen und eine relativ geringe Angst vor sexualisierter Gewalt. Allerdings habe ich im Nahbereich auch kaum Kontakt zu Männern*, was es vielleicht tatsächlich weniger wahrscheinlich macht.

  2. Nicola schreibt:

    Ich schlage mich gerade mit ähnlichen Themen herum. Wie werde ich meine Ängste los und was ist die richtige Therapieform dafür. Vielleicht ist sogar gar nicht mal die Kontrolle der Schlüssel, die ja eben trügerisch ist, sondern vielmehr ein sich einlassen auf das Schicksal. Wie so ständig Angst haben, wenn ich es sowieso nicht kontrollieren kann, was passieren wird. Eine Art buddhistische Einstellung, im hier und jetzt zu sein, denn was kommt wird ohnehin kommen. Ich kann es nicht beeinflussen, also muss ich auch keine Angst haben. Dazu kann man Osho „Angst“ z.B. lesen, etwas extrem, aber mir hilft das manchmal. Natürlich funktioniert das nur bei bestimmten Ängsten. Kriegstraumatisierten würde ich das nicht vorschlagen.

    • tina201301 schreibt:

      Ich finde Angst teilweise schon angemessen und sinnvoll, so als Einschätzung der aktuellen Gefährdungslage. Dann kann ich ja schon entsprechende Vorsichtsmaßnahmen treffen, die das tatsächliche Risiko von Übergriffen etc. reduzieren können. Hier macht es m.E. keinen Sinn, Angst loszuwerden, sie ist richtig und wichtig.
      Anders ist es, denke ich, wenn die Angst ständig da ist und auch nicht hilft. Da könnte es vielleicht tatsächlich helfen, sich mit dem entsprechenden Lebensrisiko abzufinden und sich nicht weiter darum zu kümmern. Wie weit das auch dann noch sinnvoll ist, wenn durch das sich-nicht-kümmern das Risiko wieder steigt (weil ich z.B. Bierflaschengrölern nicht mehr aus dem Weg gehe), muss jede_r wohl für sich entscheiden. Es bringt mehr Bewegungsfreiheit und einen geringeren Adrenalinspiegel, was ja auch gut für die Gesundheit ist, aber eben auch mehr Risiko, dass wirklich etwas schlimmes passiert.
      In einem der anderen Posts zum Thema habe ich von dem Beispiel erzählt, wo eine sich nicht um mehr kümmert, als das, was ein paar Meter um sie herum passiert, weil es sie sonst fertig machen würde. Ich glaube, ich könnte das nicht, würde sich für mich wie Selbstbetrug anfühlen, und da bin ich schlecht drin, aber für manche könnte das tatsächlich ein Weg sein.

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