Alltägliche Übergriffe und Traumabearbeitung

Inhaltsinfo: Übergriffe und Trauma, Transphobie, Sexismus und so.

Update: Link zu Somatic Experiencing hinzugefügt.

Zweites Update: Gedanke von sellmaeth zu Antilopen eingebaut.

Gerade suche ich nach Möglichkeiten der Traumabearbeitung und gleichzeitig erlebe ich mehr Übergriffe als sonst, da möchte ich mal über die Zusammenhänge nachdenken, und wie es oft auch nicht so richtig zusammenpasst.

Definitionsmacht und gay panic

Vor ein paar Tagen hatte ich ein schräges Erlebnis im Zug:

Jemensch (cis, weiß, hetero, mackerig, muskulös etc.) hat gay panic bekommen, weil ich mich im Gang vom Zug an ihm vorbeigedrückt und dabei aus Versehen leicht berührt habe (er hat gerade in seinen Sachen ‚rumgeräumt und ich bin hinter ihm vorbei). Er hat dann recht wütend ungefähr gesagt „man kann ja auch fragen!“. Es war klar, dass er die Berührung als übergriffig empfunden hat, wahrscheinlich aus „gay panic“, mich also als schwul gelesen und somit die Berührung irgendwie sexualisiert wahrgenommen hat.

Im ersten Moment habe ich an meine Sicherheit gedacht (ICE, Berlin Hauptbahnhof, wird nichts passieren), im zweiten Moment fand ich es eher witzig, dass er sich von mir „angeschwult“ gefühlt hat (Fehleinschätzung auf so vielen Ebenen!) und ein bisschen Schadenfreude war auch dabei (jetzt geht es Dir auch mal so!) bis ich dann überlegt habe, dass im Sinne von Definitionsmacht ich ihn unterstützen müsste und das war mir dann doch ein bisschen komisch. Ich habe ja kein Problem damit, mich von ihm fernzuhalten, ist mir sowieso lieber und sicherer, aber wenn ich wegen solchen Typen und ihren Ängsten davor, als schwul zu gelten, Räume verlassen müsste etc. fände ich das schon komisch.

Und gleichzeitig ist so eine Situation ja für mich gefährlich, gay panic ist eine der häufigsten nicht-natürlichen Todesursachen für Transfrauen. Bzgl. Definitionsmacht wäre das dann hier genauso eine Pattsituation wie die Transfrau in der Damentoilette, wegen deren Anwesenheit sich eine Cisfrau dort unsicher fühlt, und die Transfrau sich wegen der transphoben/cissexistischen Reaktion unsicher fühlt.

Aber das ist jetzt gar nicht mein Thema hier (obwohl es auch gerne mal diskutiert werden kann), mir geht es um die Art von Übergriffen, die gerade Transfrauen leicht erleben können. Die Tatsache, dass wir unterbewusst als weiblich und ggf. begehrenswert wahrgenommen werden (z.B. wegen femininem Habitus, durch Horomonen feminisierten Körper (Brüste, Haut etc.) und östrogendominierte Pheromone), kombiniert damit, dass wir durch das aktuelle genitalbasierte gesellschaftliche Geschlechterverständnis durch Körperbau, Gesichtsform, Stimme etc. im Bewusstsein als männlich eingeordnet werden, führt zu einer großen Irritation, vor allem bei Cis-Hetero-Männern, da sie dadurch Angst davor bekommen, schwul zu sein und darauf mit Panik und immer mal mit Gewalt reagieren. Die Angst ist ja auch durchaus real, das Risiko, das soziale Umfeld zu verlieren, wenn bekannt würde, dass sie eine Transfrau attraktiv fanden, ist ja schon recht groß.

Zeige den Stinkefinger erst, wenn die Bahn angefahren ist

Gestern Abend saß ich in der Straßenbahn, erst saß auf der Vierer-Sitzgruppe neben mir eine Gruppe von drei Menschen, wo sich ein Typ gegenüber seinen zwei Mitfahrerinnen* produziert hat, whatever. Dann setzten sich aber vier betrunkene Macker da hin und fingen recht bald laut darüber nachzudenken, ob ich ein Mann oder eine Frau wäre und aus welcher „Kultur“ ich wohl käme.

Einem hat die Frage wohl keine Ruhe gelassen und er setzte sich mir direkt gegenüber. Ich drückte bewusst desinteressiert auf meinem Telefon herum. Als er mich dann fragte, ob er mich etwas fragen darf, musste ich zum Glück aussteigen, und ich sagte im Aufstehen „Nein“. Dann brüllte er mir irgendwas von Zecke etc. hinterher. (Auch lustig, so wurde ich noch nicht genannt bisher.)

Irgendwie hat mich das dann doch arg genervt, und als ich dann draußen war zeigte ich den Typen durch die Straßenbahnscheibe einen Stinkefinger. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass der Typ dann noch halb ausgestiegen ist (so genau habe ich das nicht mitbekommen, wollte nicht zurückschauen) und mir recht lange hinterhergeschimpft hatte. Die Bahn blieb eine ganze Weile stehen während er schimpfte, vermutlich stand er in der Tür. Zum Glück war sein Bedürfnis mit der Bahn weiterzufahren größer, als mir hinterherzurennen, es hat sich aber doch recht knapp angefühlt. Als die Bahn dann mit ihm drin an mir vorbeifuhr zeigte er noch irgendeine aggressive Geste, die auch ein Hitlergruß gewesen sein kann.

Ich finde es echt schwierig in solchen Situationen gut zu reagieren. Auf die Dauer tut es absolut nicht gut (dazu unten mehr), sich da immer zurückzunehmen, auf der anderen Seite will 1 die Gesundheit ja auch nicht gefährden. Außerdem finde ich die Adrenalinschübe bei solchen Situationen auch sehr belastend.

Und weiterer Kram

Ach und dann gab es in den letzten Wochen noch weitere Geschichten. Zum Einen einige Übergriffe, die ich über Facebook-Gruppen mitbekommen haben, eine Transfrau ist in der S-Bahn verprügelt worden, als sie Beleidigungen etc. nicht hinnehmen wollte, und einer Transfrau wurden bei einer Radtour in Süddeutschland ohne Vorwarnung Steine in den Rücken geworfen und sie meinte, bei ihr zuhause in Russland würde so etwas nicht passieren.

Ich hatte noch eine Diskussion mit zwei Cismännern, die es ungerecht fanden, dass Frauen* Misogynie in Computerspielen anprangerten, wo sie selbst (die zwei Cismänner) keine sähen. Ihre von sich selbst überzeugte Art empfand ich als so belastend, dass ich irgendwann mir nicht mehr anders zu helfen wusste, als laut mit der Hand auf den Tisch zu hauen, um deutlich zu signalisieren, dass ich das Gespräch jetzt beenden will.

Burnout und Wut

Solche Geschichten plus der ganze Alltagsstress, mit Angestarrt-Werden, Misgendering, Risiko von Klo- oder Umkleidestress etc. können ganz schön Wut hervorrufen. Wut gefällt mir da eigentlich schon besser als Depression, Angst oder ähnliches, weil sie aktiver ist und die eigene Befindlichkeit ernster nimmt.

Letztens habe ich aber seit längerem mal wieder Burnout-Symptome bei mir bemerkt – oder das, was ich dafür halte, mit Schwindel, Schwierigkeiten beim Sehen (Bildverarbeitung, nicht Augen), Nackenverspannung mit entsprechenden Kopfschmerzen etc. Beim Nachspüren bin ich dann aber darauf gestoßen, dass die Ursache am Ehesten Wut ist, die keinen Ausdruck findet. Es ist eben schwierig, wenn ich eigentlich das Bedürfnis habe, jedem Macker in die Eier zu treten, weil er durch seinen Habitus signalisiert, dass er im Zweifel nicht bereit wäre, mich als Person anzuerkennen. Natürlich kann ich das nicht machen, schon weil er persönlich mir (meistens) nichts getan hat, sondern einfach ein Patriarchat symbolisiert und durch sein Verhalten reproduziert, dass sich meine Nichtexistenz wünscht und insgesamt viel strukturelle Gewalt ausübt, von der ich manchmal betroffen bin und manchmal nicht, die mich aber immer nervt.

Und jetzt, wie weiter

Steinmädchen hat das so gut ausgedrückt:

Ich fange wohl (mal wieder) eine neue Therapie an.Trotz aller Kritik. Weil mir nichts anderes einfällt. In einem Tweet in den letzten Tagen schrieb ich, dass weniger Gewalt auch eine Alternative wäre zur nächsten Therapie. Leider kann ich mir das mal wieder nicht aussuchen. Die Gesellschaft ist so nicht strukturiert. Sieht das nicht vor. Was echt verrückt wäre, also günstiger wäre das auf jeden Fall. Aber würde vermutlich zumindest das Patriarchat auf den Kopf stellen. Wo kämen wir denn dann hin.

Ja, Diskriminierung lässt sich nicht wegmeditieren oder wegtherapieren, aber ich kann auch nicht davon ausgehen, dass die Welt (oder einfach nur meine weitere Umgebung) in absehbarer Zeit nicht mehr sexistisch, cissexistisch, heterosexistisch usw. sein wird, soviel wir* uns auch anstrengen. Auch wenn ich immer mal eine Person von meinem Geschlecht überzeugt habe, werde ich im nächsten Moment die nächste treffen, die wieder fest daran glauben wird, dass das Geschlecht eines Menschen an seiner ursprünglichen genitalen Konfiguration festzumachen ist – abgesehen von den ganzen Leuten, die sowieso keine Lust und/oder keine Ressourcen haben, sich von dieser Geschlechtsdefinition zu verabschieden.

Also bleibt es doch wieder an uns* hängen, für eine bessere Lebbarkeit zu kämpfen. Das erste: Pfefferspray einpacken (oder doch besser CS-Gas?). Als nächstes mal gucken, ob es doch noch Möglichkeiten, dafür zu sorgen, dass ich mich besser fühle.

Erster Denkfehler: alles ist gut

Viele Therapieansätze, egal ob Krankenkassen-bezahlt, esoterisch, küchenpsychologisch oder was auch immer gehen von einem ganz bestimmten Muster aus:

  • Du warst in einer schwierigen und gefährlichen Situation, mit der du nicht umgehen konntest, wo du dich nicht schützen konntest.
  • In deinem Versuch, dich in dieser Situation zu schützen und mit der Erfahrung umzugehen, hast du verschiedene Strategien angewandt, wie Verdrängung des Erlebten, Abspalten der Gefühlswelt oder bestimmter Persönlichkeitsanteile, die du mit der Erfahrung verbindest oder zwanghafte Verhaltensmuster, mit denen du vermeiden willst, dass sich die Erfahrung wiederholt.
  • Diese Strategien sind in deiner aktuellen Lebenssituation kontraproduktiv, hindern dich an der Entfaltung deiner Persönlichkeit oder am Aufbau lebendiger Beziehungen mit anderen Menschen.
  • Die Situation ist vorbei, du bist nicht mehr in dieser Gefahr. Deswegen kannst du jetzt diese Verhaltensmuster und Strategien ablegen, weil du sie nicht mehr brauchst. Dafür bietet dir die jeweilige Methode Möglichkeiten an, vielleicht EMDR, vielleicht Körperarbeit, oder einfach andere Verhaltensweisen ausprobieren und lernen, dass sie nicht mehr gefährlich sind.

In einer Meditation (ich glaube, Quantum Light Breath) wurde das mal ungefähr so beschrieben:

Stell dir vor, du siehst vor dir einen Drachen und willst ihn bekämpfen. Du kannst jetzt über Drachen lernen, verschiedene Kampfmethoden üben, und bist irgendwann vielleicht fähig, den Drachen zu besiegen.

Was aber, wenn der Drachen gar nicht da ist und du ihn dir nur einbildest? Dann brauchst du diesen ganzen Aufwand gar nicht, du kannst einfach weitergehen, er wird von selbst verschwinden.

Das Dumme daran ist: wenn 1 Pech hat, dann ist die aktuelle Lebenssituation eben nicht sicher, dann können die gleichen Dinge, die passiert sind, auch wieder passieren, und das mit einer nicht verschwindenden Wahrscheinlichkeit. Dann können die Methoden so nicht funktionieren. Der Körper (oder der Verstand, je nachdem wie die Methode funktioniert) lässt sich ja keinen Quatsch erzählen, dass jetzt alles gut ist, wenn es einfach nicht stimmt. Und wenn der Körper sich austricksen lässt, und er glaubt, dass jetzt alles sicher ist und er auf seine Wachsamkeit verzichtet, dann ist das auch keine gute Idee, dann wechselt er bei der nächsten Bierflaschenmännergruppe nicht die Straßenseite und wird verprügelt oder vermeidet bei der nächsten Übungssession im Seminar nicht den schmierigen Typ als Übungspartner und wird dann eklig begrapscht.

Also, so leicht ist es nicht. Ich glaube, die meisten dieser Konzepte sind im Umfeld relativ privilegierter Menschen (cis, weiß, hetero, Mittelklasse, gesund, you do the math) entstanden, bei denen es vielleicht tatsächlich funktioniert, wenn die belastende Erfahrung wirklich ein singuläres Ereignis, wie z.B. von den Eltern im Krankenhaus eine Zeit lang allein gelassen werden, wo die Methode funktionieren kann.

Immerhin haben die letzten Menschen, die mit einem solchen Ansatz bei meiner Situation etwas ausrichten wollten, „zugegeben“, dass sie an meiner Grundsituation mit diesen Methoden nichts ändern können.

Also gut schauen wir weiter:

Die Antilope zittert

Auf ein interessantes Konzept bin ich jetzt schon mindestens zweimal gestoßen, das erst einmal mehr zum Thema alltäglicher Diskriminierung, bzw. wiederkehrender gefährlicher Situationen passen könnte. Hierbei wird geschaut, wie denn Säugetiere mit Stresssituationen umgehen, und da gibt es das Verhalten, dass sie recht schnell in den Alarmmodus gehen, und dann, nachdem die Situation überstanden ist, durch Zittern den Stress wieder loswerden und sich danach verhalten, als ob nichts gewesen wäre.

Dafür gibt es zum Beispiel das Bild einer Antilope, die friedlich in der Savanne grast, und, wenn dann ein Löwenrudel auftaucht, schnell in den Fluchtmodus geht und wegrennt. Haben sich die Löw_innen dann verzogen, legt sie sich hin, zittert eine Weile und schüttelt dabei den Stress ab. Danach kann sie wieder friedlich weitergrasen.

Die Idee ist jetzt, dass wir die gleichen Fähigkeiten haben, da wir auch Säugetiere sind. Somit müssten wir nur lernen, dieses Zittern zu aktivieren, und könnten uns so nach einer überstandenen Stresssituation schnell wieder in den „Normalmodus“ bringen, ohne dass unbedingt eine lange und anstrengende Traumabearbeitung notwendig ist.

Danke an Hanna C. Rosenblatt, jetzt weiß ich auch, wie das Konzept heißt: Somatic Experiencing (siehe ihren Kommentar unten).

sellmaeth hat in einem Kommentar unten darauf hingewiesen, dass es wirklich einen deutlichen Unterschied zwischen der Antilope und einem traumatisierten Menschen gibt: die Antilope hat sich tatsächlich gerettet, es ist ihr letztlich nichts passiert (sonst wäre sie nicht mehr da), während ein traumatisierter Mensch das mögliche Schlimme meistens tatsächlich erlebt hat. Und dass diese Erfahrungen unterschiedlich verarbeitet werden (im ersten Fall gibt es ja ein Gefühl von „ja, ich kann mich schützen“, während es im zweiten Fall ja eher ein Gefühl von Ohnmacht ist) und unterschiedliche Folgen haben, ist auch irgendwie logisch.

Irgendwie verfängt dieses Konzept bei mir nicht, mir wurde es jetzt schon zweimal „angeboten“, aber etwas in mir wehrt sich dagegen. Der Verdacht fällt bei so einem Widerstand ja üblicherweise auf den Gedanken „was schwer war, zu bekommen, muss auch schwer sein wieder loszuwerden, das kann sich nicht einfach auflösen.“ Ich glaube, das ist es bei mir aber dieses Mal nicht, es ist aber schon ein Gefühl von Nicht-Ernst-Genommen-Werden dabei. Um im Bild zu bleiben: wie kann denn die Antilope friedlich grasen, wenn sie weiß, dass jederzeit Lebewesen auftauchen können, die sie gerne zum Mittagessen hätten. Vielleicht kann das eine Antilope, weil sie sich vielleicht sowieso nicht so viele Gedanken über ihr Leben macht, aber können das Menschen?

In dem Beitrag „Somebody’s Watching Me“ von Alicia E. Goranson für die Anthologie „take me there, trans and genderqueer erotica“ wird eine Person beschrieben, die das lebt:

Amanda lives on display, especially when she leaves the house. She tries not to think about anything that isn’t ten feet around her. It’s easy for her to numb herself and dress in bright colors when she’s already a target. Derrick isn’t doing anything special.

Ich finde eine solche Haltung aber schon ziemlich krass, und eben „numb“, so wenig noch mitzubekommen empfinde ich als eine starke Einschränkung. Und, es schützt ja nicht vor Gefahr, im Gegenteil, es führt ja dazu, dass 1 Gefahr unter Umständen viel später mitbekommt. Auf der anderen Seite ist aber mehr Ruhe zwischen den Gefahrenphasen möglich. Ein bisschen mache ich das schon, blende das Angestarrt-Werden meistens aus, das bekomme ich häufig nur dann mit, wenn Menschen, die das nicht so gewohnt sind, mit mir unterwegs sind und es anmerken.

Also scheint auch diese Technik eher für die Fälle geeignet zu sein, wenn traumatische Situationen in der Vergangenheit aufgetreten sind, aber nicht damit gerechnet werden muss, dass sie wieder auftreten.

Und was jetzt?

Ok, so viel für heute, die Gedanken, was vielleicht tatsächlich helfen könnte, hebe ich mir für einen anderen Post auf.

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16 Antworten zu Alltägliche Übergriffe und Traumabearbeitung

  1. Bendte schreibt:

    Ich habe einmal einen Kinderfilm gesehen, indem es hieß „Tier sterben nicht“. Weil: Sie wissen nicht, dass sie sterben müssen (wie ja alle Lebewesen). Sie müssen gut verdrängen und vergessen können, denn wie sollten sie sonst weiterleben? Da unterscheiden sich Mensch und Antilope sehr! Daher weiß ich nicht, ob Antilopenpsyche und Menschenpsyche beim Vergleich der Stressbewältigung soviel hergeben? Nur mal so als Gedanke. Aber ich bin gespannt auf weitere Teile des Beitrags!

    Gruß, Bendte

    • tina201301 schreibt:

      Ja, genau das ist auch meine Frage. Es scheint schon so zu sein, dass viele Leute mit der Technik (z.B. TRE) gute Erfolge haben, aber aus genau dem Grund (dass wir* nicht so viel verdrängen können/wollen oder auch: auf ein vollständigeres Bild der Realität angewiesen sind) kann ich mir auch nicht so richtig vorstellen, dass es funktioniert – es sei denn, im Gegensatz zur Antilope sind wir* jetzt tatsächlich „sicher“ – was für eine privilegierte Menschen tatsächlich funktionieren kann.

      • sellmaeth schreibt:

        Die Antilope ist ja entkommen. Das ist aus ihrer Sicht ein Erfolg. Sie wird das nächste Mal trotz Zittern wieder wegrennen, wenn ein Löwenrudel kommt.

      • tina201301 schreibt:

        Ja, das ist, glaube ich, ein großer Unterschied, der normalerweise nicht bedacht wird, dass die Antilope sich ja gerettet hat, sonst wäre sie wahrscheinlich aufgegessen. Das ist bei menschlichen Traumata ja meistens anders. In dem von mir angesprochenen Fall mit den Typen in der Straßenbahn war es zwar auch so, dass das Befürchtete nicht eingetreten ist. Das lag aber nicht an mir, sondern daran, dass es dem Typ wichtiger war, seine Bahn nicht zu verpassen, als mich zu verprügeln, deswegen hat es auch nur begrenzt was bei der Traumatisierung geholfen.

        Auch wenn Antilopen so evtl. nicht denken würden, kenne ich es doch auch von Tieren, dass sie bei Sachen, die dann tatsächlich schiefgegangen sind, genauso traumatisiert sind, und da dann das Zittern auch nicht geholfen hat. Eine Katze meiner Oma war z.B. sehr menschenscheu, weil sie in ihrer Jugend mal von Kindern mit Steinen beworfen und am Auge verletzt wurde.

  2. steinmaedchen schreibt:

    Hey Tina, danke für deinen Text. Finde krass, wie sehr immer von diesem Muster „Das Böse war gestern“ in Therapieansätzen gearbeitet wird… So eine scheiße.
    Ein anderer Gedanke kam mir zur Definitionsmacht von dem Typen mit gay panic. Ich habe tatsächlich ein sehr enges Verständnis von Definitionsmacht, dass sie als politisches Instrument sieht, um eine strukturelle Ungleichheit auszugleichen, ein Instrument das möglich machen sollte, in einer Gesellschaft in der Gewalt gegen Frauen nicht verurteilt wird, durch Parteilichkeit ein neues Kräfteverhältnis zu schaffen.
    Wenn aber ein homo/transfeindlicher Typ auf seine eigene Diskriminierungsausübung nicht klar kommt und in Panik verfällt, dann kann ich, je nach Kontext, Ängst ernst nehmen, wenn ich den Anspruch habe, Ängste immer ernst zu nehmen, aber nein, die Definitonsmacht greift nicht.
    Es macht mich so wütend, diese Typen so unhinterfragt so viel Gewalt ausüben können…
    Und es ist so schwer, weil Therapie um klar zu kommen mit einer Situation die immer noch scheiße ist, ist schwer, denn darauf sind Therapien ja leider nicht ausgelegt…❤ an dich.

    • tina201301 schreibt:

      Vielen Dank für Deinen Kommentar. Das mit der Definitionsmacht sehe ich im Prinzip ähnlich, die Frage ist für mich da, wo kann 1 sinnvoll eine Grenze ziehen, Schwieriger finde ich es z.B. bei meinem anderen Beispiel mit der Transfrau auf dem Klo. Da könnte 1 zwar noch von einer strukturellen Ungleichheit zwischen trans und cis ausgehen, möglicherweise wird die sich nicht sicher fühlende Cisfrau sich umgekehrt fühlen – und der Transfrau männliches Privileg unterstellen. Ist eben alles nicht so eindeutig, ich glaube da gibt es insgesamt noch viel Klärungsbedarf.
      Ich bin mal gespannt, ob ich im nächsten Artikel etwas über mögliche Alternativen zu solchen Therapieansätzen schreiben kann.

  3. bluespunk schreibt:

    danke für deinen tollen text! das was du über therapie geschrieben hast finde ich sooo so so wichtig. es funktioniert bei mir überhaupt nicht zu sagen „jetzt ist alles gut, ich brauche keine angst mehr vor menschen zu haben“ sondern damit löse ich nur noch mehr innenpanik aus, denn innen drin weiß ich, dass es anders ist und dass ich schon viel scheiß genau deswegen erlebt habe, weil ich mir verboten habe meine schlechten erfahrungen zu erinnern. alarmsignale überhört habe, weil: jetzt ist alles gut, menschen sind gut, blabla. es ist wichtig zu wissen dass menschen AUCH anders sein können, und dafür ist es wichtig offen zu sein und den mut zu haben zu vertrauen, aber ohne seine wahrnehmung auszuschalten und als der mensch der 1 geworden ist, nicht als der mensch der 1 wäre ohne diese schwierigen erlebnisse.

    Vielleicht ist diese „Anforderung“ für mich auch deswegen so stressig, weil genau darin ja eine häufige Reaktion auf Trauma besteht: Sich selbst zu sagen das sei nicht passiert und so zu leben, als wäre 1 nicht in einer Welt, in der sone Scheiße durch andere (nahe, geliebte) Menschen getan wird.

    Das was du über die Antilope geschrieben hast: Kann es vielleicht dieses Ding sein dass 1 in einer Situation handelt und reagiert und hinterher scheinbar „grundlos“ heult etc?
    Hmm es liegt mir auf den Fingern grade noch mehr dazu zu schreiben und fragen, aber ich will hier nicht dein Blog zuspammen. *duck*

    Ich hoffe es war okay so persönlich auf deinen Text zu antworten.
    Ich wünsch dir alles gute für deine Auseinandersetzungen und bin sehr sehr gespannt auf deinen nächsten Text (äh, womit ich jetzt aber keinen Druck machen will, ne?).

    • tina201301 schreibt:

      Hej, vielen Dank! Keine Angst wegen zuspammen, so viel ist hier ja nicht los🙂. Oder Du schreibst selber einen Blogeintrag über die Themen und verlinkst den hier, würde mich auf jeden Fall freuen, noch mehr von Dir zu lesen.
      Das mit dem nachträglichen scheinbar grundlosen Heulen stelle ich mir auch so ähnlich vor. Ich hatte am Tag nach meiner Straßenbahnsituation etwas, wo ich grundlos (oder deutlich mehr, als ich sonst in dieser Situation gemacht hätte) gelacht habe, das war wohl auch so ein Spannungsabbau. Und ja, wahrscheinlich lässt sich das schon trainieren, aber die Grundprobleme, auf die wir reagieren, gehen davon ja nicht weg.
      Zu dem Ding, so zu leben, als ob 1 nicht in einer Welt lebt, in der solche Scheiße passiert, will ich im nächsten Artikel auch noch etwas schreiben – da geht es nämlich auch darum, dass das wichtig ist, um nicht isoliert zu werden…

  4. Pingback: Linkspämmchen | Carmilla DeWinter

  5. Max schreibt:

    Ein wichtiger Punkt hinsichtlich der psych. Gesundheit ist der Punkt das wir (Menschen, westl. Welt, heute) sehr viel zeit haben und daher Gelegenheit zu grübeln.
    Die Antilope lebt im hier und jetzt. Und historisch gesehen labte der überwiegende Teil der Menscheit jeweils im hier und jetzt, weil immer etwas nützliches zu tun war.

    • tina201301 schreibt:

      Ich antworte hierzu mal, weil das eine Kritik ist, die häufig gegenüber Menschen geäußert wird, die sich um ihre „psychische Gesundheit“ kümmern.
      Letztlich wird hiermit behauptet, das Beschäftigen mit den eigenen Traumata oder der psychischen Befindlichkeit wäre ein Zeitvertreib, weil 1 nicht genug „richtiges“ (wichtiges, nützliches etc.) zu tun hätte. Dem widerspreche ich. Nach meine Erfahrung geschieht das Beschäftigen mit der „psychischen Gesundheit“ als Reaktion darauf, dass das eigene Leben als sehr schwierig oder belastend wahrgenommen wird. Dann geht die Suche los, wie das denn verbessert werden kann.
      Jetzt gibt es zwei Gründe, warum das eigene Leben als schwierig und belastend wahrgenommen werden kann. Entweder weil es das einfach ist, auch im hier und jetzt, in der Situation unterscheiden sich Mensch und Antilope in ihrem Verhalten wahrscheinlich nicht groß, oder weil schwierige Erfahrungen in der Vergangenheit dazu führen, dass die Gegenwart als belastender wahrgenommen wird, als sie tatsächlich ist. Da unterscheiden sich Mensch und Antilope (wobei ich nicht behaupten will, die Selbstwahrnehmung von Antilopen ausreichend gut zu kennen, um das beurteilen zu können, aber im Bild ist es so), und hier setzen die typischen Traumabearbeitungskonzepte an.
      Was ich hier in dem Post bespreche bewegt sich auf der Kante zwischen diesen beiden Dynamiken, hat aber auf jeden Fall nichts mit Selbstbeschäftigung zu tun.

    • Bendte schreibt:

      Nun – Dein Kommentar ist nicht besonders fundiert. In jeder Zeit und jeder Kultur haben sich Menschen mit psychischer Gesundheit beschäftigt. Nicht immer haben sie es so genannt, mal hieß es Religion, mal Philosophie. Hältst Du die Ärzte der griechischen Antike für Menschen der heutigen westlichen Welt, die nichts nützliches zu tun hatten? Oder glaubst Du, Menschen haben/äußern/zeigen Probleme mit der psychischen Gesundheit, weil ihnen langweilig ist? Und selbst wenn Dein Ansatz ein bisschen Wahrheit enthalten sollte: Was willst Du eigentlich sagen? Dass sich jemand einfach „nicht so anstellen sollte“?

  6. Pingback: Alltägliche Übergriffe und Traumabearbeitung, die Suche geht weiter | wunder2welt

  7. Literaturtipp (zitternde Antiplope)
    „Das Erwachen des Tigers“ (Levine, 1998) spannende Ansätze, die tieferes Verstehen ermöglichen.
    Alles Gute!

  8. Pingback: Alltägliche Übergriffe und Traumabearbeitung, Community und andere Fragen | wunder2welt

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