Identity, Schmidentity oder: was soll das mit der Geschlechtsidentität

In Trans- und Queer-Kreisen gibt es viel Diskussion über Geschlechtsidentität, in Transkreisen oft negativ, und in Queer-Kreisen oft positiv. Das klingt schräg, ist es m.E. auch, aber auch nachvollziehbar. Ich versuche hier mal meine Sicht darzustellen, und wo die Reibungspunkte möglicherweise sind.

Für die Englisch-Lesenden hier noch ein Einstieg ins Thema: Identity, Schmidentity. Ich würde auch oft viel lieber kochen, massieren oder was auch immer, als über mein Geschlecht zu diskutieren, es wird aber eben leider oft genug Thema. Folgende Begriffe sind mir dabei wichtig:

  1. subconscious sex: das Erleben eines bestimmten geschlechtlichen Körpers. Bei Cisleuten dem sichtbaren Körper entsprechend, bei Transleuten dem sichtbaren Körper nicht entsprechend. Dieses Subconscious sex ist oft dem Bewusstsein nicht zugänglich. Bei Cisleuten oft, weil sie nicht darüber nachgedacht haben, bei Transleuten oft, weil sie zuerst dem sichtbaren Körper und der Erklärung dieses Körpers durch ihre Umwelt glauben. Auf deutsch gibt es den Begrff des Hirngeschlechts, der ungefähr das Gleiche bedeutet.
  2. Identität: das Verständnis, dass jemand von sich selbst hat, was die eigene Person ausmacht. Ist ein bewusstes Wissen und trennt sich auf in verschiedene Aspekte, die der Person wichtig sind, wie z.B. Geschlecht, aber ggf. auch Ethnizität, sexuelle Orientierung, Behinderung, etc. Oft werden die Aspekte, die im eigenen Leben besonders wichtig sind, in der Identität hervorgehoben, und das sind dann oft die Punkte, die als problematisch erlebt werden, z.B. Geschlecht bei Transpersonen, sexuelle Orientierung bei Nicht-Heterosexuellen (hier ist auch schön erkennbar, dass es weniger wichtig wird, wenn die Diskriminierung weniger wird) oder Ethnizität bei Menschen, die von Rassismus betroffen sind.
  3. Geschlechtsidentität: der geschlechtliche Aspekt der Identität, also das bewusste Verständnis des eigenen Geschlechts. Entwickelt sich in einem Wechselspiel zwischen subconscious sex und gesellschaftlichen Identifizierungsangeboten, wie z.B. Rollenvorbildern, Erlebnisberichten anderer über das erlebte Geschlecht etc. Ist also sowohl vom eigenen Erleben, als auch vom gesellschaftlichen Verständnis geprägt und entsteht durch einen Prozess der Selbstentdeckung. Bei Transpersonen ist dieser Prozess am Stärksten vor dem Coming out. Hier wird unter Zuhilfenahme gesellschaftlicher Geschlechterkonzepte versucht, das Erleben des subconscious sex und die Dissonanz zum sichtbaren Geschlecht zu einem Verständnis des eigenen Geschlechts zu entwickeln. Das Ergebnis davon ist dann eine Geschlechtsidentität, das Coming-Out ist dann das Bekanntgeben dieser.
  4. Geschlechtsrollenvorstellungen: die Annahmen darüber, wie sich ein Mensch, der einem bestimmten sozialen Geschlecht zugewiesen wurde, zu verhalten und zu präsentieren hat, also z.B. welche Kleider angemessen sind, welche Gestik zu erwarten ist, was typische und was untypische Berufe sind. Dazu kann auch das Geschlecht potentieller Partner_innen gezählt werden, obwohl sich das durch die zunehmende Anerkennung der Homosexualität schon abgeschwächt wurde: Wowereit hat weniger Problem damit einen Partner zu haben, als wenn er z.B. zur Vereidigung im Kostüm aufgetaucht wäre. Diese Rollenvorstellungen sind starker Veränderung unterworfen und werden im gesellschaftlichen Miteinander gelernt und durch die Wiederholung gefestigt.

So, jetzt nachdem das ein bisschen aufgedröselt ist, hier die Verwirrungen, die ich immer wieder mit Geschlechtsidentität erlebt habe:

  1. queer-feministische Verwirrung: da queer-feministische Theoriebildung hauptsächlich von Cismenschen betrieben wird, ist für sie der Unterschied zwischen subconscious sex, Geschlechtszuweisung und sichtbarem Körpergeschlecht nicht erkennbar. Somit bleibt bei der Entwicklung der Geschlechtsidentität, wenn Transgeschlechtlichkeit nicht berücksichtigt wird, nur noch die Integration gesellschaftlicher Rollenvorstellungen in das Bild vom eigenen Geschlecht übrig. Deswegen wird in der queer-feminstischen Theorie (und evtl. in Teilen der Psychologie) Geschlechtsidentität oft mit integrierten (d.h. in das Selbstkonzept aufgenommener) gesellschaftlicher Geschlechtsrollenvorstellungen verwechselt. Ein Wissen über das eigene Geschlecht, das mit den Anforderungen die die Gesellschaft wegen unserer Geschlechtszuweisung an uns stellt, erst einmal nichts zu tun hat, existiert in dieser Vorstellung nicht, obwohl das für Transmenschen eine elementare Erfahrung darstellt.
  2. transsexuell-aktivistische Verwirrung: viele Transmenschen erleben entwürdigende Begutachtungserfahrungen, wo sie ihr Geschlecht anhand von geschlechtsrollenkonformem Verhalten nachweisen müssen, z.B. dadurch, wie sie gehen, welche Kleidung sie tragen, mit was sie als Kind gespielt haben oder wie sie Sex haben. Das verknüpfen sie häufig damit, dass ja häufig eine Diagnose der Geschlechtsidentitätsstörung gestellt werden soll. Auf englisch wird das noch deutlicher, da ja hier von gender identity gesprochen wird, also der Identität des sozialen Geschlechts. Und ähnlich, wie bei der queer-feministischen Verwirrung wird davon ausgegangen, dass gender hier Rollenverhalten meint. Das wird dann so verstanden, dass Geschlechtsidentität der Wunsch nach einem bestimmten Rollenverhalten sei, statt dem Wissen über das eigene Geschlecht. Da die „Diagnostik“ ja tatsächlich (in ihren schlechteren Varianten, und ja, ich weiß, dass Transgeschlechtlichkeit nicht diagnostizierbar ist) tatsächlich Rollenverhalten überprüft, ist dieses Verständnis nachvollziehbar.
  3. psychologische Verwirrung: indirekt scheinen oder schienen Psycholog_innen davon auszugehen, dass die Geschlechtsidentität dem zugewiesenen (oder in ihrer Denke, dem „biologischen“ oder eigentlichen Geschlecht) folgen muss. Das wird zwar so nicht gesagt, wird aber an der Diagnose „Geschlechtsidentitätsstörung“ (ICD10: F64.0, DSM IV: 302.85) deutlich: mensch gilt als gestört, wenn die Geschlechtsidentität dem zugewiesenen Geschlecht nicht folgt. Also ist normal, wer dem folgt, d.h. bei einer „gesunden“ Entwicklung der Geschlechtsidentität entwickelt sie sich aus dem zugewiesenen Geschlecht. (Interessant wäre hierbei noch, ob erwartet wird, dass sie sich aus der Zuweisungserfahrung oder der Körpererfahrung entwickeln soll, dieses dünne Eis spare ich mir für ein anderes Mal auf, ich sage nur John Money🙂 ). Im Gegensatz zu vielen Trans-Aktivist_innen halte ich hier die Änderung in „gender dysphoria“ im DSM-5 für einen (leichten) Fortschritt, da hier nicht mehr von einer Störung geredet wird, sondern von dem Missverhältnis zwischen vorhandenen Körper und erlebtem Geschlecht, was ja tatsächlich bei Transmenschen vorhanden ist. In der Geschlechtsidentitätsstörung wird jedoch irgendwie tatsächlich davon ausgegangen, dass mensch sein (zugewiesenes, „biologisches“, das es ja in der Eindeutigkeit nicht gibt) eigentlich akzeptieren und als seins wahrnehmen sollte, also seine Geschlechtsidentität danach festlegen sollte, und alles andere eine Störung ist. Das ist natürlich Quatsch, wie die Erfahrung von Transmenschen zeigt. Geschlechtsidentität kann sich sehr wohl unabhängig vom Zuweisungsgeschlecht entwickeln, und daran ist nichts gestört.
  4. antidiskriminierungs-aktivistische Verwirrung: die ist etwas indirekter, aber auch vielleicht harmloser. Sie heißt: „nur die haben eine Geschlechtsidentität, bei denen das selbst erlebte vom zugewiesenen Geschlecht abweicht“. Das Denken ergibt zwar ein wenig Sinn, weil meistens nur dann Aspekte der eigenen Person identitätsstiftend werden, wenn sie problematisch sind (siehe oben), bedeutet aber letztlich auch, eine Unterscheidung zwischen dem Geschlecht von Trans- und dem von Cismenschen zu machen, wie es zum Beispiel in dem Text „men, identified or otherwise“ (also etwa: selbst-identifizierte oder andere Männer) sich ausdrückt (schrägerweise wurde das in einem Buch von und für Transmenschen formuliert) zum Ausdruck kommt. Das bedeutet ja letztlich, dass es „Männer“ und „selbst-identifizierte Männer“ gibt, also irgendwie doch wieder „richtige Männer“ und solche, die sich nur so verstehen. Das ist falsch, jede_r hat eine Geschlechtsidentität, nur denen, bei denen sie mit dem zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt, fällt sie nicht so auf.
    Etwas subtiler ist das bei der Formulierung „Diskriminierung aufgrund der Geschlechtsidentität“: nicht bestimmte Geschlechtsidentitäten werden diskriminiert, sondern das Auseinanderfallen von Geschlechtsidentität und zugewiesenem Geschlecht. Die Geschlechtsidentität selber könnte nur dann diskriminiert werden, wenn sie in irgendeiner Form selber trans* wäre, das ist aber bei vielen Transmenschen nicht der Fall.

Trotzdem halte ich den Begriff der Geschlechtsidentität, so wie ich ihn oben definiert habe, und so wie er auch häufig verwendet wird, für sinnvoll. Denn es ist noch ein Schritt vom subconscious sex zur Geschlechtsidentität, vom unbewussten Erleben, dass etwas mit der Körperwahrnehmung oder der Geschlechtswahrnehmung nicht passt, zum Wissen über das eigene Geschlecht. Um solche Dinge zu erklären, ist der Begriff wirklich hilfreich und auch gut von Geschlechtsrollenvorstellungen und Körpererleben abgrenzbar. Für Menschen, deren Transgeschlechtlichkeit kaum körperbasiert ist, ist es sogar sehr wichtig, da sie keine andere Ebene haben (wie sonst Körper), auf die sie zurückgreifen können, um zu beschreiben, was mit ihnen los ist – und es ist eben auch in diesem Fall etwas anderes als der Wunsch sich nicht geschlechtsrollenkonform zu verhalten.

So, ich hoffe, ich habe jetzt ein wenig Licht ins Dunkel der oft verworrenen Diskussionen über Geschlechtsidentität gebracht. Wenn noch etwas unklar ist, könnt Ihr das gerne in den Kommentaren ansprechen, dann verdeutliche ich ggf. noch etwas.

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2 Antworten zu Identity, Schmidentity oder: was soll das mit der Geschlechtsidentität

  1. Charlie schreibt:

    Dieser Kommentar kommt zwar erst ein Jahr später, aber ich möchte das einfach mal loswerden: Seit langer Zeit versuche ich das Thema Transgeschlechtlichkeit besser zu verstehen, da ich selbst cis bin. Gerade bei der Geschlechtsidentität stellten sich mir so viele Fragen. Ich habe mit Freund_innen gesprochen, Youtube-Videos geschaut, Blogs gelesen, mich bei größeren Vereinen wie der DGTI, TRIQ oder ATME e.V. informiert und letztlich schwirrte mir der Kopf vor lauter Infos, die ich teils einfach nicht richtig zusammenbekam. Dann habe ich diesen Text gelesen und endlich habe ich die vielen verschiedenen Standpunkte nachvollziehen und im Kontext verstehen können. Ich bin dir so dankbar dafür, dass du dir diese Mühe gemacht hast und diesen gut verständlichen Text geschrieben hast. Auch ein blöder Cismann wie ich kann es nun endlich verstehen. Den Blogpost (und den Blog sowieso) habe ich mir mit Lesezeichen gespeichert und werde den Link – falls du damit einverstanden bist – an all die weiterleiten, die ähnlich verwirrt waren wie ich. Danke.

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