Realistische(re) Antidiskriminierungsarbeit

Die Listen auf den Parties mit emanzipativem Anspruch werden immer länger: Rassismus, Sexismus, Homo- und Transphobie müssen draußen bleiben, und wenn es gut läuft, ist noch Interphobie, Ableismuss und vielleicht sogar Fatshaming dabei. Nur: viele Leute wissen schon gar nicht, was diese Begriffe alle bedeuten, geschweige denn, wie sie sich nicht-diskriminierend verhalten können. Ich glaube, dass dieser Ansatz, gegen Diskriminierung zu kämpfen, nicht sehr erfolgversprechend ist und möchte überlegen, was tatsächlich realistische Ziele sein können. Aber der Reihe nach:

Den von mir wahrgenommenen Ansatz, um eine Diskriminierung zu bekämpfen, erlebe ich so:

  1. Identifiziere eine Eigenschaft, aufgrund der Menschen „geothert“ werden, also wegen der Menschen als anders wahrgenommen werden und wegen der sie gesellschaftliche Schwierigkeiten haben, z.B. weniger leicht Wohnung, Job oder Partner finden können. Diese Schwierigkeiten sind unabhängig bzw. zusätzlich zu den Schwierigkeiten, die die Eigenschaft von sich aus (soweit es das gibt) hervorruft.
  2. Finde einen Namen für diese Diskriminierung z.B. Rassismus oder Transphobie.
  3. Finde einen Namen für das als normal wahrgenommene, wie z.B. Heterosexualität, Cisgeschlechtlichkeit oder Weißsein.
  4. Kläre über die gesellschaftlich problematisierten Eigenschaften auf, mache deutlich, dass die Eigenschaften an sich nicht problematisch sind, und die gesellschaftliche Wahrnehmung als „anders“ unnötig und falsch ist. Mache deutlich, dass das gesellschaftlich als „normal“ wahrgenommene genauso speziell ist.
  5. Fordere mit dieser Aufklärung als Begründung gesellschaftliche Veränderungen ein, die eine gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit diesen Eigenschaften ermöglichen sollen.

Das ist jetzt alles ein bisschen theoretisch. Vielleicht noch einmal am Beispiel Transphobie:

  1. Finde die Eigenschaft: Menschen, die mit dem ihnen zugewiesenen Geschlecht nicht einverstanden sind.
  2. Finde einen Namen: Transphobie bzw. Cissexismus.
  3. Als normal wahrgenommene Eigenschaft „Cisgeschlechtlichkeit“
  4. Halte Vorträge, schreibe Bücher, versuche immer wieder zu erklären, dass Transfrauen Frauen und Transmänner Männer sind, und dass es Menschen gibt, die nicht in die Ordnung von Mann und Frau passen.
  5. Stelle Forderungen auf, empfehle gesetzliche Reformen, kämpfe allgemein für die Menschenrechte transsexueller Menschen.

Ich erlebe aber immer wieder, dass das Ganze nicht besonders fruchtet. Gesellschaftliche Anerkennung ist meistens dünn, maximal auf ein gerade noch auch leben lassen beschränkt, ohne dass es Veränderungen gäbe, die tatsächlich dazu führen, dass sich geanderte Menschen genauso frei bewegen können, wie „Normmenschen“. Bei ganz offensichtlichen Dingen wie Kündigung der Arbeit oder Wohnung wegen einer Eigenschaft helfen vielleicht AGG und vergleichbare Regelungen, aber schon bei gender pay gap oder Inklusion im Bildungssystem wird die Veränderung zäh.

Ich sehe verschiedene Gründe, warum diese Strategie nicht so richtig fruchtet:

  1. Es ist einfach zu kompliziert. Kaum ein Mensch hat die Kapazitäten, sich über diese immer weiter ausdifferenzierenden Diskriminierungsachsen und die dahinterliegenden Eigenschaften und problematischen gesellschaftlichen Strukturen zu informieren. Und, damit das funktioniert müssen ja alle Menschen diesen Informationsstand haben, um z.B. eine Person medizinisch zu behandeln, auch wenn ihre Präsentation nicht der dadurch erwarteten genitalen Konfiguration entspricht.
  2. Damit Menschen sich wirklich als gleichberechtigte Teilhabende der Gesellschaft fühlen, reicht es nicht, geanderte Menschen zu tolerieren oder zu akzeptieren. Die Denkweisen, die Diskriminierung hervorrufen, sind meistens tief in der Gesellschaft verankert, es braucht tiefgreifende Veränderungen, damit eine klare Verbesserung passiert. LesMigras hat das für die diskriminierungssensible Zusammenarbeit bzgl. People Of Color und Transmenschen bei der Organisation von Veranstaltung beschrieben. Für die wirkliche Inklusion von Transmenschen bedeutet es z.B. die Auflösung des genitalbasierten Geschlechterverständnis, für Inklusion von Menschen mit Behinderungen im Bildungssystem wahrscheinlich die Auflösung unseres Verständnis von schulischen Leistungen und Benotung. Solche Veränderungen sind nicht mit einem Diversity Statement gemacht.
  3. Ich glaube, dass das Trennen in Ingroup und Outgroup, das Unterteilen in ähnlichere Menschen und weniger ähnliche Menschen, wobei der Kontakt mit ähnlicheren Menschen positiver erlebt wird und leichter Vertrauen aufgebaut wird, zum Menschsein gehört. Wir wollen einfach möglichst problemlose Interaktion mit Menschen, uns möglichst sicher fühlen, und möglichst wenig nachdenken, wenn wir mit Menschen zu tun haben. Wenn wir bei Menschen das Gefühl haben, dass sie uns ähnlich (oder vertraut) sind, dann können wir ihre zukünftigen Reaktionen besser einschätzen und damit unser Verhalten leichter planen. Menschen, die anders sind, irritieren uns dabei, wir wissen nicht so richtig, was wir von ihnen zu erwarten haben, die Interaktion wird anstrengender. Deswegen funktionieren klare Kategorien mit zu erwartenden Verhaltensmustern so gut, wie m.E. an den Kategorien Mann und Frau gut erkennbar ist. Die Konstruktion solcher Kategorien erleichtert das Zusammenleben deutlich, da recht gut planbar ist, wie mensch sich gegenüber einer Person der entsprechenden Kategorie verhalten kann, damit die Interaktion gut funktioniert. Und selbst wenn wir die Kategorien dekonstruieren, werden wir doch wieder neue erfinden, um uns zurechtzufinden und unser Leben zu vereinfachen – entweder kollektiv oder individuell.

So, das Dilemma ist klar.  Jetzt ist die Frage, wie es gelöst werden kann. So richtig weiß ich es auch nicht, aber ein paar Ideen habe ich:

  1. Das was ich immer wieder praktiziert sehe, und was schon einmal praktisch ist, sind Minimalforderungen aus den einzelnen diskriminierten Gruppen, die sich tatsächlich umsetzen lassen. Das sind z.B. Wunschpronomen bei Vorstellungsrunden, Überprüfung von Veranstaltungsräumen auf Rollstuhlzugänglichkeit, Verbot von racial profiling, „Homoehe“, AGG. Allen diesen Forderungen ist gemein, dass sie „von oben“ umgesetzt, also von der Veranstaltungsorga oder Gesetzgebern. Das hat den Vorteil, dass nicht alle Beteiligten die jeweilige Diskriminierungsdynamik verstehen müssen, ist in ihrer Reichweite aber stark begrenzt, wirkliche Teilhabe ist das nicht.
  2. Was ich an Berlin immer so genieße, ist die Haltung „Ich verstehe Dich nicht, das ist mir aber auch egal.“.  Ich glaube, gerade in einer sich ausdifferenzierenden Gesellschaft ist das wichtig; den Anspruch aufzugeben, alles verstehen zu müssen, und trotzdem mit Menschen respektvoll umzugehen. Das erfordert, mit der eigenen Irritation, die ungewohnte Menschen hervorrufen können, so umgehen zu können, dass die Interaktion dadurch nicht gestört wird – oder sich gar nicht erst irritieren zu lassen, auch durch Ignorieren, also auch bewusst nicht zu versuchen, eine Schublade für den Menschen zu finden und trotzdem mit ihm umgehen zu können.
  3. Ich denke, es ist nicht realistisch, alle Konflikte und Problembereiche vorhersehen zu können oder alle Menschen, die damit in Berührung kommen könnten, über alle Themen aufzuklären. So kann ja z.B. das Symbol von One Billion Rising problematisch sein, so wie auch Dreadlocks oder Serifenschrift, von nackten Oberkörpern oder Knutschen in der Öffentlichkeit mal ganz abgesehen. Jeder dieser Kritikpunkte ist logisch und richtig, trotzdem gibt es wenige Menschen, die das alles wissen und im Blick haben. Diskriminierung ist eben tief in die Gesellschaftsstrukturen eingeschrieben und wird deshalb immer wieder reproduziert. Da ist es für mich nur realistisch, eine Kultur zu entwickeln, wo solche Dinge im konkreten Fall angesprochen werden können, und dann auch ohne lange Diskussion respektiert werden. Also, der Drummer muss nicht von vorneherein wissen, dass ein nackter Oberkörper eine Reproduktion von Sexismus darstellt, er soll aber, wenn ihn jemand darauf anspricht, ok sagen und sein Shirt anziehen. Oder die Frau, die sich über die Anwesenheit einer Person auf der Toilette wundert, soll sich nach kurzer Erklärung, dass das schon seine Richtigkeit hat, damit zufrieden geben.
  4. Außerdem ist es möglich, auf die mediale Repräsentation der verschiedenen Gruppen versuchen, einzuwirken. Das hat zwar auch den Nachteil, dass es für jede Gruppe/jede Diskriminierungsachse extra gemacht werden muss und die Diskriminierung (in diesem Fall vor allem die medial reproduzierten Stereotypen, und warum sie falsch sind) tatsächlich erklärt werden muss, dafür aber nur wenigen Menschen – nämlich den jeweils mit einem Artikel, einem Film, einer Werbekampagne etc. betrauten Personen. Allerdings scheint das auch ziemlich zäh zu sein, typischerweise hat mensch ja nur den Witz nicht verstanden. Siehe z.B. der Negativpreis zornige Kaktus, die Petition zur Aufklärung über Sexismus, der Bionade-Trans-Fail, die Kommentare über Jared Leto in Dallas Buyers Club. Obwohl also die Lernbereitschaft der Medienschaffenden oft begrenzt ist – und die Realität eben oft nicht so interessant ist wie die Stereotypen, halte ich es doch für einen wichtigen Ansatzpunkt, weil sie das Denken vieler Leute stark prägen.

Soweit mal meine Gedanken, da gibt es sicher noch viel dazu zu sagen und zu überlegen und gesellschaftlich auszuhandeln, wie so etwas geregelt werden kann, ich halte solche pragmatischeren Lösungen aber auf jeden Fall für realistischer, als alle über alles aufzuklären.

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6 Antworten zu Realistische(re) Antidiskriminierungsarbeit

  1. Käsestulle schreibt:

    Das finde ich sehr realistisch! Danke für den großartigen Text.

  2. Sandy schreibt:

    Vielen Dank für diesen einsichtigen und alltagsnahen Beitrag!
    Vor allem mag ich den Ansatz, respektvoll auf mögliches Fehlverhalten (das Drummer Beispiel) hinzuweisen und eine respektvolle Reaktion zu erwarten statt gleich mit der Keule zu kommen. Die kann immer noch zum Einsatz kommen, wenn die respektvolle Reaktion ausbleibt.

    Ich wollte noch fragen, ob der Absatz: Was ich an Berlin immer so genieße, ist die Haltung “Ich verstehe Dich, das ist mir aber auch egal.”. so gemeint ist oder ob es nicht eher heißen sollte: „Ich verstehe Dich NICHT, das ist mir aber auch egal.“
    Ansonsten macht die darauffolgende Argumentation etwas weniger Sinn für mich. Das kann aber natürlich auch ein Denkfehler meinerseits sein, weshalb ich lieber nachfrage.

    • tina201301 schreibt:

      Vielen Dank für den Hinweis! Ja, das war ein Schreibfehler, habe ich angepasst, und dann noch einen Gedanken hinzugefügt.
      Ich glaube auch, dass es leichter für eine Gesellschaft ist, respektvoll(eren) Umgang zu lernen, wenn mensch was nicht versteht, als zu versuchen, jede menschliche „Besonderheit“ zu verstehen.

  3. steinmaedchen schreibt:

    immer wieder komme ich mal auf diesen artikel zurück, real aber auch in gedanken. irgendwann schreibe ich dazu auch noch mal was. wollte dir diesmal nur kurz dalassen, dass mich dein text sehr beschäftigt hat, in positiven sinn, und ich mit vielem was anfangen kann.
    danke überhaupt für deinen blog und deine texte!

  4. Pingback: Inclusivity in body/sexuality oriented spaces | wunder2welt

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