Geschlechtsdysphorie vs. Hirngeschlecht: Nachtrag 4: gesellschaftliches Geschlecht nach Selbstaussage

Hier der dritte Post meiner Serie über politische Forderungen für Transmenschen: Gesellschaftliches Geschlecht nach Selbstaussage In den Diskussionen über Hirngeschlecht wird häufig darüber gesprochen, dass das Hirngeschlecht nicht so gut erkenn- oder messbar ist. Die Antwort darauf ist meistens

Wenn jemand mein Geschlecht wissen will, soll die Person mich einfach fragen.

Dieses Konzept, Geschlechtseinordnung nach Selbstaussage, ist etwas, was in der queer(-feministisch)en Szene schon länger praktiziert wird. So wird üblicherweise in Vorstellungsrunden darum geben, das Wunschpronomen zu nennen und bei zugangsbeschränkten Veranstaltungen (typischerweise „flti“, also alle außer Cismänner) wird üblicherweise einfach nur erzählt, für wen die Veranstaltung offen ist, und gefragt, ob die Person sich dem zuordnen würde. Siehe dazu auch meine Tipps für trans*-respektvolle Veranstaltungen.

Nach meiner Erfahrung funktionieren solche Regelungen gut. Es kommt vergleichsweise selten vor, dass sich Menschen in den Pronomen vertun (und wenn, kann es schnell geklärt werden) und die wenigsten Cismänner bezeichnen sich als etwas anderes, um auf eine Party zu kommen. Stressige Leute kann es natürlich trotzdem immer geben, aber das ist eine Diskussion für einen anderen Ort.

Auch der Vorschlag zum TSG des Arbeitskreises tsgreform und die argentinische und dänische Regelung akzeptieren einfach die Selbstaussage und verwenden keine weitere Begründung.

 

Fragt sich, ob diese Regelung auch gesamtgesellschaftlich funktionieren könnte. Das ist sicher schwieriger als in der queer(-feministisch)en Bubble, nicht alle können und wollen sich mit Gender- oder Queertheorie auseinandersetzen oder überhaupt länger über Geschlecht nachdenken. Aber eigentlich ist die zusätzliche Regel nicht so kompliziert, denn es reicht eigentlich Folgendes:

Wenn du dich bezüglich des Geschlechts einer Person unsicher bist, oder denkst, dass sie sich im falschen geschlechtsspezifischen Raum aufhält, dann frage sie nach ihrem Geschlecht und akzeptiere ihre Aussage als gültig.

Ist eigentlich nicht kompliziert, oder? Es hat aber schon ziemliche Folgen: wenn ich in der Frauen-Gemeinschaftsdusche eine stark behaarte Person, vielleicht noch mit etwas Baumelndem zwischen den Beinen sehe, dann muss ich spätestens nach ihrer Aussage davon ausgehen, dass alles seine Richtigkeit hat. Das braucht schon eine Umgewöhnung. Und wieder wird das Ganze leichter, wenn Geschlecht generell nicht so eine Rolle in der Gesellschaft spielt. Dann gibt es weniger Situationen, in denen Irritationen passieren können, und somit weniger häufig die Notwendigkeit, etwas zu klären, oder sich umzugewöhnen. Bleibt noch die Frage, wie so eine neue Regel einzuführen wäre. Das Problem dabei ist wahrscheinlich hauptsächlich, dass sie so selten angewendet werden muss, nämlich bei all den Menschen, bei denen Fremdwahrnehmung nicht mit Selbstwahrnehmung übereinstimmen, also den nicht-passenden trans- und ggf. inter-Personen. Deswegen ist es auf jeden Fall hilfreich, wenn die Änderung im gesellschaftlichen Umgang mit Geschlecht möglichst klein ist, damit es nicht zu viel Umstellung ist. Obige Änderung ist da schon eine gut brauchbare Minimalvariante. Und wie soll das Ganze begründet werden? Hirngeschlecht wäre eine Variante, ist aber schon eine relativ komplexe Angelegenheit, wenn es wirklich allen Menschen erklärt werden soll – denn nur dann würde es wirklich helfen. Außerdem ist es wissenschaftlich umstritten, bzw., so wie unser aktuelles genitalfixiertes Geschlechtskonzept auch, eine starke Vereinfachung einer natürlichen Vielfalt. Ich denke, es sollte die schlichte Beobachtung reichen, dass es Menschen gibt, für die die ursprüngliche Geschlechtszuweisung nicht passt. In der ursprünglichen Verfassungsgerichtsentscheidung (die eiern da in der Begründung zwar ein wenig ‚rum und sprechen auch die unbekannte Ursache von Transsexualität an), aber letztlich bedeutet es das) , die zur Einführung des Transsexuellengesetz geführt hat, wurde ja auch schon festgestellt, dass die Würde eines Menschen eine Behandlung entsprechend dem identifizierten Geschlecht erfordert. Damit ist eigentlich auch schon alles gesagt. Das sollte doch möglich sein, oder?

Bisher habe ich in dieser Serie über folgendes geschrieben:

Geschlechtsdysphorie vs. Hirngeschlecht

Selbstbestimmung

Trennung von rechtlichem und medizinischem Weg

Psychopathologisierung

Hier noch die weiteren Themen, die ich noch bearbeiten möchte:

Transweiblicher Bias

Ausschlüsse

Dieser Beitrag wurde unter Trans abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Geschlechtsdysphorie vs. Hirngeschlecht: Nachtrag 4: gesellschaftliches Geschlecht nach Selbstaussage

  1. Sabine schreibt:

    Wenn jemand mein Geschlecht wissen will, soll die Person mich einfach fragen.
    80 Millionen Jahre Evolution wollen sie korrigieren.
    Eins können sie gewiss sein, nach der nächsten Eiszeit wird es die Spezies Homo-Sapiens nicht mehr geben. Die Erde wird sich einfach weiterdrehen und die Natur neue Lebensformen hervorbringen die nicht so beknackt sind und nicht wissen ob sie Männchen oder Weibchen sind.
    In der gesamten belebten Natur spielt TRANS keine Rolle. Das Leben wäre auf diesem Planeten nämlich längst ausgestorben.

    • tina201301 schreibt:

      Ich lasse den Kommentar mal zur Dokumentation stehen, um zu zeigen, was für Denken über trans es so gibt. Ich werde nicht auf alles eingehen, das Meiste lässt sich mit einer kurzen Recherche selber herausfinden, und ich habe es teilweise auch schon verlinkt. Jedenfalls ist unser aktuelles Konzept von Geschlecht nur ca. 130 Jahre alt.
      Außerdem sind die Menschen, die sich andersgeschlechtlich identifizieren, eine so kleine Minderheit, dass für das Aussterben oder Nicht-Aussterben der Menschheit keine Rolle spielen.

  2. sellmaeth schreibt:

    Das Problem mit der Akzeptanz von Selbstaussagen ist, dass sie Frauen zum Nachteil gereicht. Selbst wenn wir jetzt mal ganz optimistisch davon ausgehen, dass kein männlicher Vergewaltiger jemals behaupten würde, eine Frau zu sein, um in geschützte Frauenräume zu kommen (was ich bezweifle) ist es doch unleugbar so, dass Frauen männlich aussehende Personen in den wenigen ausgewiesenen Frauenräumen die es gibt akzeptieren sollen (was eine erhebliche psychische Belastung für Überlebende von Männergewalt bedeutet) umgekehrt aber keinerlei Vorteile von der ganzen Sache haben.

    Frau kann sich aus der sexistischen Diskriminierung nämlich nicht einfach rausidentifizieren. Ich finde nicht, dass die weibliche Genderrolle (zu der eben nunmal leider hier und heute auch gehört, schlechter bezahlt zu werden als ein Mann) auf mich passt – juckt aber keinen.

    Wenn der Chef keine Frau befördern will, dann erst Recht keine Person die darauf besteht ein Mann zu sein obwohl sie für ihn weiblich aussieht. Und da die sexistische Diskriminierung so gut wie nie zugegeben wird, kann frau auch kaum dagegen vorgehen, während ein Mensch mit Penis sich ganz problemlos das Recht einklagen kann, in die Damenumkleide zu dürfen.
    (Und ich glaube nicht, dass irgendwer in die Herrenumkleide will. Seien wir mal ehrlich: Getrennte Umkleidekabinen gibt es doch überhaupt nur, weil es Männer gibt die Ihre Augen oder gar Finger nicht bei sich behalten können (besser:wollen) wenn sie eine nackte Frau sehen. Der einzige andere Grund den man postulieren könnte wäre der, dass sich Leute die die gleichen Teile haben sich gegenseitig nix weggucken – den kann man bei der Selbstaussageregelung aber auch vergessen.)

    In einer perfekten Welt bräuchte man keine geschlechtergetrennten Räume – in der eben nicht so tollen Welt in der wir leben wäre vielleicht die Einführung eines dritten sozialen Geschlechts und entsprechenden Schutzräumen für dieses sinnvoll.

    • tina201301 schreibt:

      Schwierige Geschichte. Sicher ist, dass sich die allermeisten Transfrauen als Frauen fühlen, und nach der Transition auch eine vergleichbare soziale Rolle einnehmen – der gleiche, möglicherweise noch verschärfte Gender Gap, etwas weniger Risiko von sexualisierter Gewalt, dafür etwas mehr Risiko von trans-/homophober Gewalt.

      Das Bedürfnis nach Cismänner-freien Schutzräumen ist jedenfalls vergleichbar wie bie Cisfrauen. Da gilt es dann abzuwägen zwischen der Verunsicherung der Cisfrauen in dem Raum und dem Bedürfnis nach Schutzräumen der Transfrauen.

      Ich habe noch nicht davon gehört, dass sich da irgendjemand in einen Schutzraum eingeklagt hat. Ich kenne da eher das vorsichtige Anklopfen, das ist auch mein Vorgehen. Bisher war das dann auch nie ein Problem.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s