Geschlechtsdysphorie vs. Hirngeschlecht: Nachtrag 3: Psychopathologisierung

Hier der dritte Post meiner Serie über politische Forderungen für Transmenschen:

Psychopathologisierung

Kampagnen, die für die komplette Entpathologisierung von Transgeschlechtlichkeit analog zur Entpathologisierung von Homosexualität kämpfen, wie z.B. Stop Trans Pathologization, beißen in vielen Transkreisen auf Granit, denn

Wer bezahlt dann unsere Hormone und OPs?

Also, so einfach wie bei der Homosexualität ist die Sache nicht, da Krankenkassen und -versicherungen eine Begründung brauchen, um medizinische Maßnahmen zu bezahlen, typischerweise einen Schlüssel des ICD, aktuell für Transsexualität F 64.0. Trotzdem ist es wünschenswert, Transsexualität zu entpathologisieren. Für mich kristallisieren sich dabei zwei Gründe heraus:

  • Zum Einen ist die aktuelle Diagnostik ein unwürdiges und sinnloses Verfahren, bei dem die zu Diagnostizierenden immer wieder gegenüber ihren Gutachtern ihre Weiblichkeit oder Männlichkeit beweisen müssen, obwohl klar ist, dass Transsexualität nicht diagnostiziert werden kann, sondern ausgeschlossen werden kann, dass die Symptomatik nicht Folge einer „anderen“ Krankheit ist (Differentialdiagnostik).
  • Zum Andern beeinflusst die Klassifizierung von Transsexualität im Kapitel V Psychische und Verhaltensstörungen, Abschnitt Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen die gesellschaftliche Wahrnehmung von transgeschlechtlichen Menschen als „geistig gestört“, befördert also Diskriminierung und das Nicht-Ernst-Nehmen der Geschlechtern von Trans-Menschen, da sie ja sozusagen nur einer Halluzination aufsäßen, und kann bis zum Nicht-Ernst-Nehmen als selbständige Menschen führen. Letzteres passiert mir auch ab und zu, wenn z.B. Leute in Kindersprache mit mir sprechen, weil sie anhand meiner geschlechts-nonkonformen Präsentation davon ausgehen, dass ich nicht ganz zurechnungsfähig bin.

Als Lösung dieses Konflikts wird über eine Ent-Psychopathologisierung nachgedacht. Transsexualität (oder ein anderer Begriff) soll weiterhin einen ICD-Code haben, aber keinen mehr im Kapitel F der psychischen Krankheiten, sondern zum Beispiel im Abschnitt Q für Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien. Alternativ wird auch darüber gesprochen, Transsexualität als gesunde Normvariante anzusehen.

Als Begründung für beides werden meistens Erkenntnisse der Neurowissenschaften angegeben, die darauf hinweisen, dass Transgeschlechtlichkeit im Gehirn verortet ist, dass hier, ähnlich wie beim phantom limb das Körperschema nicht mit dem tatsächlichen Körper übereinstimmt. Dies entspricht ungefähr dem Konzept des subconscious sex (im Link ein bisschen nach unten scrollen für eine Erklärung) von Julia Serano und auch meiner eigenen Wahrnehmung.

Nur: auch bei klassischen psychische Krankheiten wie Depression oder Schizophrenie zeigen sich neurobiologische Besonderheiten im Gehirn. Die Trennung zwischen körperlichen und psychischen Erkrankungen verwischt also. Die Klassifikation in „körperlich“ (Person ist ernstzunehmen) und „psychisch“ (=Person ist nicht ernstzunehmen), wie sie gesellschaftlich häufig vorgenommen wird, hat also keine wirkliche wissenschaftliche Grundlage mehr. Letztlich haben Mediziner_innen keine wirkliche andere Möglichkeit, das Phänomen der Transgeschlechtlichkeit als psychisch, oder dem Gehirn zuzuordnen, zu klassifizieren, da sie ja außer der Aussage und evtl. dem Verhalten der Patient_in und evtl. gewisser Phänomene im Gehirn nichts messen können.

Also, was tun? Dafür möchte ich wieder zurückgehen zu den Ausgangsproblemen, also den Gründen, warum (Psycho-)Pathologisierung problematisch ist, und dabei überlegen, wie die Situation verbessert werden kann:

Für die Diagnose als Voraussetzung für medizinische Maßnahmen erscheint mir die Problemlösung relativ einfach, und ich habe das ja schon an anderer Stelle beschrieben: mit den medizinischen Maßnahmen soll ein Leidensdruck wegen dem Missverhältnis zwischen Körperschema und tatsächlichem Körper gelöst werden. Das lässt sich vergleichsweise leicht feststellen, dafür muss niemand wissen, ob ich als Kind schon mit Barbies gespielt habe oder wie genau ich mit wem Sex haben will. Mir erscheint dafür der Begriff Geschlechtsdysphorie eigentlich recht brauchbar, wobei der Begriff gender dissonance (ganz nach unten scrollen) etwas präziser ist. Insbesondere muss hier nicht über Geschlechterrollen diskutiert werden, nicht einmal über soziale Geschlechtszuweisung, es reicht die Diskrepanz zwischen Körperschema und realem Körper.

Schwieriger ist das Problem bei der gesellschaftlichen Einordnung als „psychisch gestört“, da nicht so ganz klar ist, wie medizinische Diagnosen zu gesellschaftlichen Wahrnehmungen und Sichtweisen werden. Wie schon in den vorangegangenen Teilen diskutiert, halte ich es für sehr hilfreich, wenn die Bedeutung von Geschlecht in der Gesellschaft generell geringer werden würde, da damit dann auch die Irritation durch Geschlechtsnonkonformität (welcher Form auch immer, und so werden nicht-passende Transmenschen erst einmal wahrgenommen) geringer würde.

Ein zweiter Schritt wäre die Etablierung des subconscious sex als eigenständige Kategorie, also dem inneren Wissen über die Zugehörigkeit (oder Nichtzugehörigkeit) zu einem bestimmten Geschlecht. Wie bei vielen anderen Kategorien unter denen Geschlecht betrachtet werden kann, wie z.B. Hormonstatus, Chromosomen oder primäre Geschlechtsmerkmale gibt es eine starke Häufung, dass nämlich die meisten einem Geschlecht zugewiesenen Menschen sich auch so zugehörig empfinden, aber das muss eben nicht immer so sein, so wie es auch Menschen mit Vulva, aber XY-Chromosom gibt.

Wenn dazu noch die Freiheit kommt, dass jede_r sich so präsentieren darf, wie er_sie will und das Geschlecht leben darf (im Sinne von Anrede, Klobenutzung, Pass), wie er_sie es will, dann ist es eigentlich geschafft.

Bisher habe ich in dieser Serie über folgendes geschrieben:

Geschlechtsdysphorie vs. Hirngeschlecht

Selbstbestimmung

Trennung von rechtlichem und medizinischem Weg

Hier noch die weiteren Themen, die ich noch bearbeiten möchte:

Transweiblicher Bias

Ausschlüsse

Dieser Beitrag wurde unter Trans abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Geschlechtsdysphorie vs. Hirngeschlecht: Nachtrag 3: Psychopathologisierung

  1. Kim schreibt:

    Hinter dem Text steht der Logikfehler, dass transsexuelle Frauen Maenner seien, die ein weibliches Hirn besitzen. Dies ist aber Unsinn. Frauen sind Frauen.

    • tina201301 schreibt:

      Ich habe meinen Text noch einmal durchgelesen und keine Stelle gefunden, in der ich aussage, dass transsexuelle Frauen Männer seien. Höchstens, dass ich den Begriff „Transgeschlechtlichkeit“ verwendet habe. Damit meine ich, dass jemand die ursprüngliche Geschlechtszuweisung nicht als richtig ansieht. Wo hast Du diese Aussage in meinem Text gefunden?

  2. Pingback: Geschlechtsdysphorie vs. Hirngeschlecht: Nachtrag 4: gesellschaftliches Geschlecht nach Selbstaussage | wunder2welt

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s