Geschlechtsdysphorie vs. Hirngeschlecht: Nachtrag: 1. Selbstbestimmung

In den Diskussionen um politische Forderungen zur Verbesserung der Situation von Transmenschen, tauchen bestimmte Themen auf, die im Vortrag gestern nur am Rand vorkamen, ich aber hier mal aufgreifen möchte. Da sich die einzelnen Themen doch als größer herausgestellt haben, mache ich das einzeln, hier also zuerst:

Selbstbestimmung

Ein Wunsch, der in Transkreisen häufig geäußert wird, ist der nach Selbstbestimmung, insbesondere nach Abschaffung des Gutachtersystems, das als menschenunwürdig empfunden wird. Aktuell findet da ein Gutachtenmarathon statt, für jede medizinische und rechtliche Angleichungsmaßnahme wird mensch begutachtet und muss psychisch und manchmal auch körperlich dabei die Hosen ‚runterlassen. Und das Ganze, obwohl eigentlich klar ist, dass Transsexualität nicht diagnostizierbar ist, sondern nur ein paar Differentialdiagnosen ausgeschlossen werden müssen.

Deswegen macht es Sinn, dass hier die Selbstauskunft der Transmenschen reichen sollte. Für den rechtlichen Bereich ist aus meiner Sicht diese Diskussion auch abgeschlossen, mit dem Vorschlag des Arbeitskreis TSG-Reform gibt es auch einen guten Konsens, wie das praktisch umgesetzt werden könnte, und ist in Argentinien und mit Abstrichen auch in Dänemark schon so umgesetzt.

Medizinisch scheint das schwieriger zu sein. Beim Vortrag gestern schienen da auch große Vorbehalte durch. In „Betroffenenkreisen“ werden dahinter häufig finanzielle Vorteile vermutet, Gutachten sind teuer und Psychotherapie für Transleute ist oft eine recht entspannte Sache: es muss nur ein bisschen Zeit (oft auch nur wenige Minuten) abgesessen werden und über Gott und die Welt geredet werden, damit der MDK zufrieden ist. Das Ganze kann aber trotzdem als „richtige“ Psychotherapie abgerechnet werden. Trotzdem habe ich nicht den Eindruck, dass dies die Hauptmotivation der „Professionellen“ ist. Ich glaube, es ist eher ein Unbehagen, jemand ohne gesicherte Diagnose zu behandeln, das widerspricht der medizinischen Vorgehensweise. Der Referent sprach hier auch von der „Fürsorgepflicht“, die Mediziner_innen gegenüber ihren Patient_innen haben, was aber letztlich auch als Bevormundung verstanden werden kann.

Eine andere Lösung des Problems wäre das Konzept der informierten Zustimmung. Dies könnte z.B. ähnlich wie aktuell bei Schwangerschaftsabbrüchen  über Beratungsscheine geregelt werden, wie es auch im Forderungskatalog des Landshuter Modells vorgesehen ist. Dies blitzte auch kurz auf dem Vortrag auf, nämlich als Titel eines Artikels in der Zeitschrift für Sexualforschung. Das wurde aber nicht angesprochen.

Hier zeigt sich m.E. ein ähnliches Unbehagen der Mediziner_innen gegenüber der Selbstbestimmung der Patient_innen wie bei der der Frage nach der Rezeptfreiheit der Pille danach (siehe eine entsprechende Petition und hier den berüchtigten „Smarties-Artikel“). Das wird sicher noch ein mühsamer Weg, das durchzusetzen, insbesondere, wenn es darum geht, dabei nicht die Kostenübernahme zu verlieren – warum soll jemand behandelt werden, die_der kein Leiden gelindert bekommen muss?

Da letztlich ja auch immer ein Leiden gelindert werden muss – spätestens, wenn Behandlungen verweigert werden, entsteht Leiden, eine Transfrau z.B. leidet nunmal an Testo und ein Transmann an der Menstruation (nicht alle, aber viele, und nur die, die hier eine Veränderung wollen, müssen ja auch behandelt werden), halte ich es auch nicht so sehr für problematisch, das Leiden an der falschen geschlechtlichen Körperkonfiguration als Begründung für die Kostenübernahme und Behandlung zu verwenden. Um das festzustellen, muss ja auch niemand immer wieder erzählen, dass er als Kind immer schon Fußball gespielt hat oder sie immer schon mit Barbies gespielt hat, es reicht ja einfach, die gegenwärtige Situation zu beleuchten und es muss auch kein allgemeingültiges Geschlecht dafür festgelegt werden, somit ist es auch kein Problem für nicht-binäre Menschen – wobei es da sicher auch noch einiges an geistiger Bewegung im Bereich der Mediziner_innen passieren muss, bis z.B. eine geschlechtliche Neutralisierung genauso einfach genehmigt wird, wie eine klassische GaOP.

Hier noch die weiteren Themen, die ich noch bearbeiten möchte:

Psychopathologisierung

Trennung von rechtlichem und medizinischem Weg

Transweiblicher Bias

Ausschlüsse

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3 Antworten zu Geschlechtsdysphorie vs. Hirngeschlecht: Nachtrag: 1. Selbstbestimmung

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