Trans-Hostel-Logistik

Letztes Wochenende war ich in Berlin und habe in einem Hostel übernachtet. Das mache ich häufig, auch um meinen Zeitplan frei gestalten zu können, ohne eventuellen Gastgeber_innen auf die Nerven zu gehen oder sie nachts aus dem Bett klingeln zu müssen. Dieses Mal ist mir aber aufgefallen, wie viel Stress mir meine Transgeschlechtlichkeit dabei bereitet, und das wollte ich mal in einer Art Gedankenstrom aufschreiben, auch um zu verdeutlichen was für eigentlich einfache Dinge kompliziert werden können, wenn mensch nicht so ganz in Geschlechterkategorien passt:

Online-Buchung

Gut, sie fragen beim Formular nicht nach dem Geschlecht. Ok, es gibt noch Platz im Mehrbettzimmer. Mit welchem Namen soll ich mich anmelden? Ok ist Berlin und Hostel, weiblicher Name sollte funktionieren, zur Not habe ich noch meinen dgti-Ausweis. Aber, was ist, wenn sie mich dann in ein reines Frauenzimmer stecken und irgendjemand ein Problem damit hat? Egal, weiter geht’s, Kreditkartendaten, uff, Glück gehabt, den Karteninhaber kann ich getrennt angeben. Abschlussseite, nochmal Schwein gehabt, ist explizit ein gemischtes Zimmer. Fertig.

Rezeption

Sicherheitshalber erstmal nur Nachname von der Reservierung sagen. Rezeptionistin sagt (weiblichen) Vornamen, ich bestätige. Cool, ich kann keine Verwunderung erkennen! Liegt wahrscheinlich an meinem recht femininen Outfit, will ja gleich ausgehen. Anmeldeformular ausfüllen, riskiere es, nur den weiblichen Namen aufzuschreiben. Mist sie wollen auch die Perso-Nummer, hoffentlich will die Rezeptionistin das nicht überprüfen. Doch, sie will ihn sehen, aber dass der Name und eigentlich auch das Bild nicht wirklich passen, scheint sie nicht weiter zu stören, dgti-Ausweis kann im Geldbeutel bleiben.

Zum Zimmer

Rezeptionistin kündigt Zimmer schon leicht frustriert-angewidert an, ohne Näheres zu sagen. Es kommt uns ein Schwall Käsefüße-Duft entgegen. Drinnen sind gleich mehrere schrankige mackerige Typen, jetzt wäre ich froh, wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, stattdessen auf ein Frauenzimmer zu gehen, aber den Stress will ich mir, und evtl. auch den anderen Frauen nicht antun.

Klo

Ich muss mal. Jetzt verstehe ich, warum ich im Hostel lieber Bad und Klo auf dem Zimmer habe. Die sind geschlechtsneutral! Habe ich hier aber nicht. Kann ich’s riskieren, auf’s Frauenklo zu gehen? Es ist leer, Tür kann ich offen lassen, ich habe einen Rock an und auf dem Klo gibt es ja nicht wirklich ‚was zu sehen. Sollte klappen. Mist, blödes Timing, muss am Waschbecken anstehen. Schön mit Abstand, um nicht ungewollt eine Drohkulisse aufzubauen. Die Person am Waschbecken nimmt mich wahr, wirkt aber nicht weiter irritiert. Ungewohnt, aber gut. Nachher entschuldigt sie sich noch, als sie mir aus Versehen, den Weg ins Zimmer blockiert hat, keine Spur von „häh, was will ‚der‘ hier“, schön.

Bad

Habe wirklich keinen Bock mit den Typen zusammen zu Duschen, Frauendusche will ich aber auch nicht riskieren, Duschen fällt heute Abend wohl aus, zum Glück habe ich gestern geduscht. Zähneputzen etc. muss aber sein. Ah, da ist ein Waschraum mit Schild, dass die Duschen kaputt sind. Da habe ich hoffentlich meine Ruhe. Da kommt aber schon der erste Typ ‚rein und zieht sich aus. Und dann noch einer. Egal, ich bin ja angezogen und ich brauche mich ja nicht um sie zu kümmern. Tatsächlich verletzt mich am Meisten die Selbstverständlichkeit, mit der sie mich begrüßen, weil ich daraus schließe, dass sie mein Geschlecht falsch lesen, werde ganz still und grüße kaum zurück, auch wenn sie mich dann für unhöflich halten.

Auschecken

Rezeptionistin ist sehr freundlich. Auf einer Couch sitzt ein Typ und mackert vor sich hin. Während ich noch an der Rezeption stehe scheint er eine Person anzusprechen. Außer mir und der Rezeptionistin ist aber niemand da. Keine Ahnung, was der will, ich gehe jetzt. Draußen dann, eine Straße weiter, ein Spruch von einem Typ vom Balkon „wenn Du arbeiten willst, musst Du schon auf der großen Straße bleiben.“ ???

So, soweit mal die ganzen Sachen, die mir während einer Übernachtung in einem Hostel so durch den Kopf gehen. Damit will ich nicht sagen, dass alle diese Gedanken nötig sind, und dass es nicht auch andere Möglichkeiten gibt, mit den geschilderten Situationen umzugehen, aber so gehe ich zur Zeit damit um und diese Dinge denke ich zur Zeit in solchen Situationen. Das kann schon ein ganz schöner Stress werden, auch wenn der Haupt-Trans-Stress eigentlich ein anderer ist: das Angestarrt-Werden, die Verwendung falscher Anrede oder falscher Pronomen, und generell die Nicht-Anerkennung meines Geschlechts. Trotzdem kann das vielleicht einen kleinen Einblick dahin geben, was so alles anders wird, wenn gefühltes und von anderen wahrgenommenes Geschlecht auseinander gehen.

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2 Antworten zu Trans-Hostel-Logistik

  1. sellmaeth schreibt:

    „mackern“ als Verb – interessante Wortneuschöpfung, aber was bedeutet es eigentlich?

    Männer die einfach nur da sind? Oder eher doch Männer die deutlich Machoattitüden an den Tag legen?
    Ich wäre ja dafür, solche Typen einfach gar nirgendwo reinzulassen. Damit wär dann auch dein Dilemma gelöst, weil im gemischten Zimmer oder der Dusche gar nicht rumgemackert würde.

  2. tina201301 schreibt:

    Meine Definition von „mackern“ wäre wohl „Expressives Performen von (hegemonialer? gewaltbereiter?) Männlichkeit“. Der Spezialfall von mackern, wenn zwei Typen miteinander mackern, z.B. wenn sie gerade eine Hierarchie etablieren, nenne ich auch „Mackercodes austauschen“🙂.

    Das mit dem Nicht-‚Reinlassen ist so eine Sache, denn sie haben zu dem Zeitpunkt ja noch niemandem etwas getan, sie strahlen allein durch ihren Habitus eine toxische Männlichkeit aus, die mich in Schutzmodus gehen lässt. Das ist aber nicht objektiv, es ist wirklich schwer, z.B. am Einlass, zu sagen, dass ein bestimmter Typ nicht reindarf, weil er zu mackerig drauf ist. Das ist übrigens für mich auch ein wesentlicher Grund für flti-Räume: es gibt keine genauere objektive Grenze, als dass sich jemand als (Cis-)Typ versteht. Da werden dann sicher einige Typen abgewiesen, die in dem Raum keine Ängste/Schutzmechanismen auslösen würden, ich kenne aber eben leider keine genauere praktisch umsetzbare Regel.

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