Alltags-Trans-Stress: Geschichten

Weil ich es nicht schaffe, meine eigenen Texte publizierbar fertig zu kriegen, hier noch ein Text eines Freundes. Diese Geschichten sind nicht genau so passiert, sondern manchmal etwas komprimiert, können aber alle so passieren, und vielen Transleuten ist ähnliches passiert:

Beispiele für persönliche Diskriminierung:

Frau Schneider bekommt seit sechs Monaten ein Östrogenpräparat.

Nun möchte sie im Fotostudio Passaufnahmen für den Ergänzungsausweis der DGTI machen lassen. Dafür hat sie sich hübsch gemacht, geschminkt und Ohrschmuck angelegt.

Der Fotograf bietet Frau Schneider an, für Nachbestellungen ihren Namen zu notieren.

Als Frau Schneider ihren (weiblichen) Namen sagt, fragt sie der Fotograf, ob sie sich sicher sei, dass das ihr richtiger Name sei.

Herr Bienert kauft in einem Drogeriemarkt Rasierzubehör. Er bekommt seit einem Jahr Testosteron und hat die Vornamensänderung beantragt. Seine Bank verweigert ihm zu diesem Zeitpunkt eine EC-Karte auf den neuen Namen. Beim Bezahlen sagt der Kassierer zu Herrn Bienert mit Blick auf den Namen auf der Karte: „Das ist aber nicht Ihre Karte!“

Daraufhin zeigt ihm Herr Bienert seinen Ergänzungsausweis. Der Kassierer betrachtet ihn argwöhnisch und ruft über den Lautsprecher den Filialleiter herbei. Dieser gibt Herrn Bienert den Ausweis mit den Worten zurück: „Solange Sie keine neue EC-Karte haben, zahlen Sie doch lieber mit Bargeld!“

Beispielsituationen für strukturelle Diskriminierung:

Frau Müller ist 29 Jahre alt. Nachdem sie auf Grund ihrer Transition ihren Job verloren hat, möchte sie sich nun doch um ein Bachelor-Studium bewerben. Ihr Abiturzeugnis, das zehn Jahre alt ist, ist noch auf den männlichen Namen ausgestellt.

Sie ruft in ihrer alten Schule an, und verlangt die Änderung des Zeugnisses auf ihren neuen Namen, unter Verwendung des Datums der Erstausstellung, um Nachfragen in diese Richtung zu vermeiden, welche sie zu einem ungewollten Outing beim Studienanbieter zwingen würden.

Der Direktor verweigert ihr dies mit der knappen Bemerkung, dass er für Urkundenfälschung nicht zur Verfügung stehe.

Erst auf ihr wiederholtes Drängen beim Landesschulamt gibt man ihrem Wunsch nach.

Die Bewerbungsfrist für das nächste Semester ist inzwischen abgelaufen. Bis zur nächsten Gelegenheit wird Frau Müller 30 Jahre alt werden und damit möglicherweise die Berechtigung für den Bezug von BaFöG-Geldern verlieren.

Herr Becker lebt seit über drei Jahren als erkennbarer Mann, seine Personaldokumente und sämtliche persönlichen und amtlichen Unterlagen sind auf seinen männlichen Namen ausgestellt. Heute geht er mit seinem vierzehnjährigen leiblichen Sohn und dessen leiblichem Vater aufs Einwohneramt. Dort soll der Sohn einen Reisepass bekommen.

Die Angestellte ist verwirrt. Sie fragt, wo die Mutter des Sohnes sei. Herr Becker antwortet, es gebe keine Mutter, nur zwei Väter, wie bei einer Adoption durch ein homosexuelles Paar. Die Angestellte fragt in gereiztem Ton: „Aber irgendwer muss den Jungen ja geboren haben!“ „Ja“, sagt Herr Becker, „das war ich, sehen Sie bitte in ihren Rechner.“

Die Angestellte verlangt den Ausweis von Herrn Becker zu sehen und verschwindet damit auf längere Zeit im Hintergrund.

Herr Becker fragt sich, was die Dame damit herausfinden will, was nicht in seinen Daten im Computer des Einwohneramtes gespeichert wäre.

Auf seine Nachfrage bekommt er die knappe Antwort, dass die Dame erst ihren Vorgesetzten hätte befragen müssen, ob sie den Reisepass „unter diesen Umständen“ ausgeben dürfte.

Frau Schmidt und Herr Kunze sind ein Paar, leben in einer mittelgroßen Stadt und sind gesetzlich krankenversichert. Herr Kunze hat die Vornamens- und Personenstandsänderung, bei Frau Schmidt ist das noch nicht der Fall.

Beide benötigen einen Termin beim Gynäkologen. Herr Kunze ist nicht operiert und möchte eine Krebsvorsorge-Untersuchung machen lassen. Frau Schmidt möchte ihre Brust, die durch die Östrogeneinnahme gewachsen ist, ebenfalls untersuchen lassen. Sie wählen eine Arztpraxis in ihrer Nähe, da sie kein Auto besitzen.

Beiden wird die Aufnahme als Patienten mit dem Hinweis verweigert, die Praxis könne keine Männer behandeln, weil das Abrechnungssystem im Computer dies nicht zuließe. Sie könnten die Behandlungen allenfalls privat bezahlen.

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