Zwischen allen Stühlen

Hier ein Text, den ich 2011 für das Zine „Dressed Like That“ geschrieben habe. In der Zwischenzeit hat sich viel geändert, als Momentaufnahme finde ich es immer noch interessant, und der Konflikt zwischen den Denkweisen der verschiedenen Subkulturen ist immer noch da.

Zwischen allen Stühlen
Tina, 2011

Mich kann man wohl am Ehesten als „Hippie-Transe“ bezeichnen, und so etwas habe ich bisher noch nicht gesehen. Ich habe das Gefühl, mir meinen Weg fast vollständig selbst suchen zu müssen, überall gucken die Leute seltsam, wenn sie mich kennenlernen:
In der Trans-Szene haben die Leute kein Problem damit, dass ich gerne im Rock oder Kleid herumlaufe, auch wenn sie es gerne etwas schicker haben, und nicht so gemütlich und folkig wie ich. Und, was sie gar nicht nachvollziehen können, ist, dass ich meinen Bartschatten nicht überschminke und mir für meine zu wenigen Haare ein Kopftuch reicht. Ich habe nie begriffen, was sie damit meinen, „als Frau“ unterwegs zu sein. Ich bin einfach ich, fühle mich als Frau, werde aber selbst dann als Mann wahrgenommen, wenn ich fast nur Frauenkleider anhabe.

In der Lesbenszene ist es jedes Mal ein Zittern, ob ich irgendwo hereingelassen werde, was ich tun muss, um meine weibliche Identität glaubhaft zu machen. Oft werden entsprechende Nachfragen einfach ignoriert – obwohl es viel besser geworden ist. Und, bin ich dann irgendwo auf einer Party oder ähnlichem, steche ich sehr stark heraus. Meistens bin ich die einzige Transfrau, und oft gibt es wenige andere feminin auftretende Menschen. Ich freue mich über jede Femme, die ich sehe. Am meisten sehe ich Tanktops und Jeans. Nicht, dass ich das nicht attraktiv finde, aber selber will ich anders auftreten. Kate Bornstein hat es gut beschrieben: „they were all about Birkenstocks and flannel shirts, not about men in dresses“.

In der queeren Szene habe ich mich gleich am Wohlsten gefühlt. Ganz am Anfang meines Geschlechtswechsels konnte ich schon sagen, „Ich bin Tina“, und keine_r hatte damit ein Problem. Und da ich besonders am Anfang selber noch ein Problem mit Femininität hatte, fand ich es auch cool, unter lauter maskulinen Frauen zu sein. Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass diese Akzeptanz auch ihre Grenzen hat. Zum Einen können viele es nicht nachvollziehen, dass mir meine weibliche Identität wichtig ist, da Geschlecht ja bloß ein Konstrukt ist, und zum Andern wird (Trans-)Maskulinität und Zwischengeschlechtlichkeit gefeiert, während auf Femininität und eindeutige Geschlechtsidentifikation heruntergeblickt wird. Es ist einfach nicht subversiv genug. Aber immer wieder finde ich Menschen, die verstehen, dass mensch nicht dadurch schwach wird, dass er_sie einen Rock trägt.
Die Folk und Hippie-Szene hätte wiederum kein Problem mit meinem Geschlechtsausdruck, dafür haben die meisten wahrscheinlich noch nie eine Transfrau gesehen – außer vielleicht einer Sexarbeiterin im Fernsehen.

Und so bewege ich mich zwischen den Szenen hin und her, kann mal dies nicht ansprechen, mal das, aber mit einzelnen Leuten, aus allen Szenen, die mich kennenlernen, ist es dann meistens kein Problem mehr.

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