Alltags-Trans-Stress, oder bin ich zu lieb?

Neulich habe ich mich bei einem Wochenendseminar angemeldet. Ich war zuerst auf der Warteliste, bekam dann aber einen Platz. Dann dachte ich, es wäre doch hilfreich, auf meinen Trans-Status hinzuweisen:

„Noch ein Hinweis wegen der Unterbringung: ich bin transgeschlechtlich, d.h. werde von Menschen, die mich nicht kennen, häufig als Mann wahrgenommen. Deswegen sind mir gemischte Schlafräume am Liebsten, bei allen anderen müsste wahrscheinlich geklärt werden, ob die Mitschlafenden einverstanden sind. Wenn das zu kompliziert ist, nehme ich auch ein Einzelzimmer.“

Dann kam lange gar nichts, und ich dachte, alles wäre in Butter, und dann kam das hier:

„danke für Ihre E-Mail. Bitte entschuldigen Sie die späte Rückmeldung. Leider ist für das Seminar kein Einzelzimmer mehr frei. Wir haben auch keine gemischten Schlafräume, sondern hätten nur einen Platz gemeinsam mit anderen weiblichen Gästen. Deshalb haben wir Sie erst einmal wieder auf die Warteliste gesetzt. Vielleicht wird ja noch ein Einzelzimmer frei, dann könnten Sie nachrücken.“

Dass das auch anders geht, zeigt folgender Mailwechsel. Hier hatte ich mich für etwas angemeldet, und wurde im „Frauenschlafsaal“ einquartiert:

„hab Dich im Frauenschlafsaal gebucht. Denke, dass das auch für die anderen im Schlafsaal kein Problem werden sollte.“

Ich glaube, da hatte ich schon bei der Online-Anmeldung was wegen trans geschrieben, hatte dann aber doch nochmal auch auf meinen Trans-Status hingewiesen:

„Ich würde gerne im Frauenschlafsaal übernachten, kann es aber auch gut verstehen, wenn andere Frauen ein Problem damit haben, vor allem auch, weil ich (vor allem im Schlafanzug, z.B. wegen wenig Haaren auf dem Kopf und einigen Resten im Gesicht…) noch ziemlich männlich aussehe. Was ich auf jeden Fall keiner zumuten möchte ist, dass ich mit in eine Gruppendusche gehe, falls Ihr so etwas habt, auch wenn es für die Männer auch ein wenig eine Zumutung ist , wenn ich dort hingehe:-). Ich bin mit diesen ganzen Sachen flexibel, will nicht, dass sich jemand unwohl fühlt und kann mit fasst allen Regelungen leben. Von meiner Seite her können wir das auch vor Ort klären und je nach Situation lösen

Sorry, dass ich da so ein Thema draus mache, das ist nicht meine Absicht, möchte nur vermeiden, dass es nachher zu schwierigen Situationen kommt.“

Und die Antwort:

„ich würde sagen, wir belassen die Buchung wie bisher für den
Frauenschlafsaal. Es sind auch in diesem Sinne keine Gemeinschaftsduschen sondern ein Badezimmer im Zimmer.

Ich hoffe und gehe auch davon aus, dass die anderen Frauen im Zimmer aufgeschlossen genug sind und es zu wenigen bis keinen „komischen“ Rückmeldungen kommen wird. Falls doch, würde ich auch denken ist es ganz gut flexibel auf die Situation vor Ort zu reagieren. Schön, dass Du auch schon signalisierst verständnisvoll und flexibel zu sein, häufig überträgt sich ja
diese Grundeinstellung auf die anderen :-)“

Beim nochmaligen Lesen der beiden Mailwechsel fällt mir auf, dass ich mich nicht sehr unterschiedlich verhalten habe, ich bin nur nicht mehr ganz so vorsichtig, bzw. gehe selbstverständlicher mit meiner geschlechtlichen Identität um, die Bereitschaft der „Gegenseite“, sich auf das Thema einzulassen, war aber sehr unterschiedlich. Im ersten Fall wurde ja auch überhaupt nicht nachgefragt, oder überlegt, wie das Problem dann vor Ort lösbar sein könnte, z.B. dass die Raumaufteilung so gemacht werden könnte, dass ich nur mit Menschen in einem Raum schlafe, die mit mir klarkommen.

Zu fordern, dass alle Menschen kein Problem damit haben, mit mir zusammen zu übernachten (im ersten Fall war auch noch die Schwierigkeit, dass es ein Dreibettzimmer war, während es im zweiten Fall ein Schlafsaal war, was schon weniger privat ist), fände ich auch zu viel, der flexible Umgang mit der Thematik verlangt aber ein gewisses Mitdenken und Eingehen auf die Situation, wozu nicht alle bereit sind.

Es ist ein sehr blödes Gefühl, durch meine bloße Existenz Probleme zu verursachen. Klar liegt das am binären Geschlechtersystem, von dem die Menschen geprägt sind und wo sich eben nicht alle ‚raus denken können, auch wenn sie mit dem Gegenbeispiel direkt konfrontiert werden. Irgendwie traue ich mich in dieser Situation nicht, irgendetwas direkt einzufordern, sondern gehe, fast wie beim Stockholm-Syndrom sehr stark auf die Befindlichkeiten meiner Gegenüber ein, mache sie mir fast zu Eigen. Aus einem ähnlichen Grund fordere ich auch fast nie die korrekte Anrede ein, sondern denke, dass, wenn die Menschen mich falsch wahrnehmen, dass sie dafür auch nichts können. (etwas anderes ist es, wenn ich mit richtigem Geschlecht vorgestellt wurde, oder ich mich in queeren Zusammenhängen bewege, wo ich davon ausgehen kann, dass die Menschen schon ein bisschen etwas über Geschlecht wissen).

Vielleicht gibt es für mich zu wenig, auf das ich mich beziehen kann, um einen geschlechtsadäquaten Umgang einzufordern. Hierfür wäre wahrscheinlich ein offiziell geänderter Geschlechtseintrag und/oder oder ein angepasster Genitalbereich hilfreich. Aber auch damit ordne ich mich wieder dem gesellschaftlichen Denken unter, da dies ja für mich keine geschlechtsfestlegenden Dinge sind, wohl aber für meine allgemeine Umgebung.

Einen runden Schluss hat dieser Post nicht, da ich auch keine Lösung für das Problem habe. Natürlich würde ich mir eine Gesellschaft wünschen, in denen ich nur meinen Namen  oder sonst einen Geschlechtsmarker nennen muss und dann richtig behandelt werde, und wo niemand ein Problem mit Transmenschen in geschlechtsseparierten Räumen hat (oder es solche kaum mehr gibt), oder wo ein Bewusstsein dafür existiert, dass es solche Probleme geben kann, und dann damit sensibel und flexibel umgegangen wird, aber so ist es einfach nicht und deswegen wird es manchmal einfach stressig und unangenehm.

Ich würde mich sehr über weitere Gedanken zu dem Thema freuen!

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3 Antworten zu Alltags-Trans-Stress, oder bin ich zu lieb?

  1. doro schreibt:

    Ich kenne diese Überlegungen im Blick auf die korrekte Anrede auch. Ich glaube, dass längerfristig nur Aufklärung hilft. Bei facebook läuft derzeit in der Rubrik zur morgigen ZDF Sendung 37 Grad eine entsprechende Diskussion (Fanseite der Sendung). M.E. müssen die neurowissenschaftlichen Grundlagen für TS viel mehr bekannt gemacht werden – und wenn dann immer noch stupide Reaktionen kommen, wird es Zeit, diejenigen, die sich diesen Erkenntnissen verweigern, zu konfrontieren. Dr. Horst Haupts Blog (transhealth) sollte m.E. bei jedem TS-Blog verlinkt sein, damit sein Trefferranking steigt und seine Aufsätze mehr gelesen werden. Er beschreibt die vielfältigen Formen der Transphobie sehr sachlich und gut nachvollziehbar.

    • tina201301 schreibt:

      Mit der Aufklärung ist das so eine Sache. Ich glaube nicht, dass es möglich und sinnvoll sein kann, allen Menschen die Feinheiten der geschlechtlichen Nonkonformität in ihren verschiedenen Ausprägungen verständlich zu machen. Damit sind die meisten einfach überfordert und haben schlichtweg andere Themen, um die sie sich kümmern müssen.
      Ich frage mich da eben, was genau ich von „der Gesellschaft“ verlangen kann:
      Dass ich nicht verprügelt werden darf, nur weil ich einen Rock trage? Klar. Da herrscht auch wohl weitgehend Konsens.
      Dass ich richtig angeredet werde? Da wird es schon schwieriger, da dies für viele Menschen bedeutet, gegen ihre Überzeugung, nämlich ihr Verständnis von Geschlecht (was zwischen den Beinen ist oder auch war bestimmt die Anrede), zu handeln.
      Dass ich aufs Frauenklo gehen darf? Auch schwierig, da es wahrscheinlich Menschen gibt, die sich ehrlich unsicher fühlen, wenn sie dort jemand sehen, die sie als Mann wahrnehmen.
      In welche Umkleide, welchen Schlafraum soll ich gehen? Alles bei dem aktuellen Geschlechterverständnis schwierig.

      Langfristig hilft da wahrscheinlich nur, an diesem Geschlechterverständnis zu arbeiten, aber das ist langfristig, den Stress habe ich jetzt.
      Ich halte auch nichts davon, eine Kategorie der „echten Transsexuellen“ aufzumachen, die dann wirklich als ihr identifiziertes Geschlecht gelten dürfen und verlangen dürfen, auch so behandelt zu werden. Das schließt dann wieder viele Menschen aus, die diese Kriterien, aus welchen Gründen auch immer, nicht erfüllen.

    • tina201301 schreibt:

      Ich habe noch eine Idee, was evtl. von der Gesellschaft gefordert werden könnte:
      Einfach die Anerkennung der Tatsache, dass es Transmenschen gibt und dass diese in ihrem identifizierten Geschlecht zu respektieren sind. Leider machen wir Transmenschen es da der Gesellschaft selber schwer, da wir uns meistens bemühen, nicht als Transmenschen wahrgenommen zu werden („Passing“) und dann sehen die meisten Menschen in ihrem Leben so gut wie nie einen Transmensch und sind entsprechend irritiert, wenn sie damit konfrontiert werden.

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