Ich will #aufschrei für trans*, oder: nicht „wir“ sind verrückt, sondern die Gesellschaft, die nicht mit uns klarkommt

(Das „wir“ meint, inspiriert von diesem wunderbaren Vortrag die (konstruierte) Gruppe der geschlechtlich nonkonformen Personen. Auch dieser Post ist vom Vortrag inspiriert.)
transphobia makes me grumpyI

(Bild geklaut von Wipe Out Transphobia)

In einem vorhergehenden Post habe ich schon angesprochen, dass es im deutschsprachigen Raum praktisch kein öffentliches Anprangern von transphobem Verhalten gibt, wie es #aufschrei für sexistisches Verhalten tut. Stattdessen gibt es so etwas:

1. Der recht kritische Artikel auf Telepolis, der die gesamtgesellschaftliche Transphobie, und insbesondere Transmisogynie (siehe hier, leider nur auf Englisch) recht gut anspricht (wenn auch für Außenstehende vielleicht teilweise schlecht nachvollziehbar) wird dann in dem Forum „Gendertreff“, einem „Forum für Transgender, Angehörige und Interessierte.“ so kritisiert:

In der Argumentation dieser Personen schwingt kontinuierlich eine große Aggressivität gegenüber der offensichtlich doch so intoleranten Umwelt mit. So wäre es doch „unerträglich“, dass diese „spießige und beschissene Gesellschaft (uns) immer noch nicht akzeptiert“ usw. Diskriminierungen wären demnach an der Tagesordnung und schenkt man manchen Personen Glauben, so meint man, ohne Gefahr für Leib und Leben nicht ausgehen zu können.

Nun, meine persönliche Erfahrung – und auch die vieler anderer hier – ist eine gänzlich andere. Meine Erfahrung ist, dass sich der überwiegende Teil der Menschen überhaupt nicht dafür interessiert, wenn man ihnen begegnet. Andere sind neugierig, was einige von uns auch für eine konsequente Öffentlichkeitsarbeit nutzen. Wir vom Gendertreff geben dazu u.a. auch einen Flyer aus, der Leute, die noch keine Berührung mit dem Thema Transidentität hatten, an das Thema heranführt.

Natürlich erlebe auch ich immer wieder einmal negative Kommentare. Und natürlich stören auch mich schlechte Filme, die Klischees präsentieren. Auch die Hooligan-artigen Exhibitionisten, die sich zum Teil in YouTube oder anderen Social Web Portalen als „Transgender“ präsentieren und in Wahrheit um fetischistisch motivierte Aufmerksamkeit buhlen, gehen mir tierisch auf den Zeiger. Aber: Es liegt an mir, ein Gegenbild zu zeichnen. Indem ich ausgehe. Indem ich mit Menschen rede. Indem ich mich hier im Gendertreff engagiere. Durch Aktionen wie die Teilnahme am CSD Konstanz inkl. Fernsehinterview oder auch den Song „Zwei Seelen“.

oder

Ein unbedarfter Mitmensch wird in den meisten Fällen einen „Mann in Frauenkleidern“ sehen. Denn er sieht ja nicht, ob ich operiert bin, eine Vornamens- oder Personenstandsänderung hinter mir habe. Na und? Ich erlebe immer wieder, dass erstaunlich viele Menschen überhaupt kein Problem damit haben, wenn jemand sich das Recht herausnimmt, in seinem Wunschgeschlecht zu leben. Warum also werden immer wieder derartige Scheingefechte ausgetragen?

oder

Suse hat geschrieben:

„Bei einer simplen VÄ oder auch PÄ sehe ich die zwingende Notwendigkeit dafür überhaupt nicht! Das wäre eine Sache, die man durchaus ohne Gutachten und ohne Gericht auf dem Verwaltungsweg abwickeln könnte.“

andererseits habe ich schon so manche kennengelernt, die viel zu leichtfertig und ohne über die möglichen Konsequenzen nachzudenken mächtig über’s Ziel hinausgeschossen ist. Beispiele sind sehr unüberlegte Outings im beruflichen Umfeld oder die Investition in Laser-Epilationen trotz einer Einkommenssituation am Existenzminimum.

2. Als ich in einer Trans-Gruppe auf Facebook folgende Frage gestellt habe:

Eine Frage: hat ein_e von Euch schon einmal bei zu viel Angestarrt-Werden, über eine_n kichernden Gruppen etc. den Impuls gehabt, deutlich darauf zu reagieren, z.B. Stinkefinger zu zeigen oder den Leuten etwas nicht so nettes (verbal) an den Kopf zu werfen? Und hat vielleicht jemand auch diesem Impuls nachgegeben und wie ist das ausgegangen?
Habe es in den letzten Tagen so viel erlebt, dass ich wirklich was sagen wollte, da die Menschen mich aber ja nicht angesprochen haben, war ich mir nicht sicher, ob das eine angemessene Reaktion ist. Außerdem hatte ich Angst vor einer Eskalation. Zurückstarren bei Angestarrt-Werden ist vielleicht ein Kompromiss, aber auch da erzeuge ich ziemlich viel Aufmerksamkeit, die ich eigentlich nicht haben will.
Mich würden Eure Ideen hierzu interessieren.

Habe ich praktisch nur Antworten der Art „Kopf hoch, das wird schon“ oder „Warte erst einmal, bis Hormone etc. richtig angeschlagen haben, dann passiert Dir das nicht mehr so viel“ (keine wörtlichen Zitate, ist ein nicht-öffentliches Forum). Auch nach mehrmaligem Nachfragen nach Erfahrungen mit widerständigem Verhalten kamen nur persönlich aufbauende Worte wie „nicht aufgeben“ und Tipps, wie ich mich innerlich von transphobem Verhalten abgrenzen kann. Nur einmal kam wenigstens der Tipp mit Zurückstarren.

3. Wenn ich in Trans-(Selbsthilfe-)Gruppen äußere, dass ich mich darüber ärgere, oder dass es mich verletzt, dass ich häufig von Außenstehenden nicht als Frau wahrgenommen werde, bekomme ich üblicherweise Passing-Tipps. Wenn ich dann sage, dass es für mich nicht oder nur unter großem Verlust meiner Möglichkeiten, meine Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen möglich ist, zu passen (was ja letztlich bedeutet, überzeugend so zu tun, als wäre ich eine Cisfrau), und ich trotzdem will, dass ich als Frau angesprochen werden will, dann ernte ich Unverständnis oder auch mal den Kommentar, dass das in einer aufgeklärten Gesellschaft eben nicht geht.

Die Muster, die ich hier sehe, sind Internalisierung und Individualisierung (jeweils nach meinen Definitionen). Internalisierung finde ich in den Altdorfer Erklärungen (sind übrigens allgemein sehr zu empfehlen) in Abschnitt 9 als „Deutendes Denken“ und „Restriktive Emotionalität“ beschrieben. Das bedeutet, ich akzeptiere das gesellschaftliche Denken (und Fühlen) über Transsexualität und ordne mich ihm, glaube es mehr oder weniger selbst, obwohl es meiner Erfahrung widerspricht. Individualisierung hat m.E. Steinmädchen bzgl. der Borderline-Störung hier sehr gut beschrieben (auch ihre anderen Artikel zu Psych* und Gesellschaft finde ich sehr lesenswert). Es geht darum, dass gesellschaftliche Missstände den darunter leidenden als psychische Krankheit übergeholfen werden, oder allgemeiner, dass es mein Problem ist, wenn es mir nicht gut geht, auch wenn der Auslöser gesellschaftliche Diskriminierung ist. Bzgl. trans bedeutet das z.B., dass, wenn ich zu oft angefeindet werde, ich eben noch mehr an meinem Passing feilen muss, z.B. den „weiblichen Gang“ (was auch immer das sein soll) richtig lernen, oder eine Stimm-OP machen lassen (natürlich gibt es für solche Dinge auch andere Gründe, aber ich denke, es ist klar, worauf ich hinauswill), und nicht, dass es Menschen und gesellschaftliche Strukturen gibt, die diskriminierend sind, und gegen die ich mich wehren will.

Zum Glück hat uns Ines Pohlkamp in ihrem Vortrag (siehe oben) erzählt, dass alle ihre Interview-Partner_innen auch von widerständigem Verhalten berichtet haben. Ganz so düster sieht es also wohl doch nicht aus. Eigentlich sollte es auch klar sein, dass es ziemlich bescheuert ist, z.B. auf einen „Mann im Kleid“ (die Reaktion darauf ist ja meistens unabhängig davon, ob es sich hier um eine Transfrau, einen Crossdresser, eine Fummeltunte oder etwas anderes handelt) aggressiv zu reagieren. Schließlich tut ein spezieller Kleidungsstil niemand weh und sollte auch für niemand ein Problem sein. Jetzt fehlt „nur“, dass sich dieses Denken durchsetzt und entsprechendes Verhalten öffentlich gemacht wird. Letztlich zeigt ja die Trans-Erfahrung, dass das binäre Geschlechtersystem falsch ist, wenn „wir“ es also für uns annehmen widerrufen wir somit unsere eigene Erfahrung. Und unabhängig von Ideologie, Geschlechtertheorie usw. muss es doch möglich sein, zur eigenen Erfahrung zu stehen, oder?

Hier noch ein paar Beispiele, wo es m.E. dieses Denken schon gibt, teilweise aus meinem anderen Post geklaut:

  • #transdocfail für das Anprangern von transphoben Ärzt_innen.
  • wtftransdating für schräge Erlebnisse beim Beziehungsaufbau
  • Die Galerie I am who I am von Wipe Out Transphobia, wo sich Transleute ohne Scham so präsentieren, wie sie sind
  • Und vieles von dem, was Julia Serano schreibt
  • Auf deutsch kenne ich vor allem das Buch Begegnungen auf der Transfläche, das Trans-Erlebnisse, die irgendwie häufig im Supermarkt passieren, mit viel Humor erzählt.
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4 Antworten zu Ich will #aufschrei für trans*, oder: nicht „wir“ sind verrückt, sondern die Gesellschaft, die nicht mit uns klarkommt

  1. Anjo schreibt:

    Liebe Tina,
    a) das ist die beste Grumpy Cat ever!❤
    b) danke für diesen Artikel, und das Blog überhaupt!❤
    c) zu 2.
    ich kenne dieses unangenehme, ohnmächtige Gefühl gut. das gefühl sich wehren zu wollen, dem getuschele / gekichere / gestarre / im schlimmsten fall gegröle etwas entgegen setzen zu wollen, aber nicht zu wissen, was. die gefahr sich "noch lächerlicher" zu machen, ist groß. ich fühle mich sehr privilegiert, solchen situationen nach meiner schulzeit bzw. in berlin kaum noch ausgesetzt zu sein. dennoch hat mich deine schilderung betroffen gemacht, und die wenig hilfreichen antworten, die du bisher bekommen hast, ließen ein starkes gefühl von ohnmacht, beklommenheit und wut zurück.
    was heute ein kleiner lichtblick für mich war, will ich nun gerne hier teilen:
    aus dem interview mit sookee im heutigen tagesspiegel online ( http://www.tagesspiegel.de/politik/sexismus-debatte-sookee-und-der-aufschrei-/7722578.html ), auf die frage, was sie macht, wenn sie sich belästigt fühlt:
    "Ich rolle die Augen, mache pff, spucke auch mal aus. Oder zeige den Mittelfinger. Telefongespräch vortäuschen ist gut, dem imaginären Gesprächspartner mitteilen: „Da sitzt so’n Typ, der geht gar nicht. Der guckt mich die ganze Zeit so an.“"
    das sind ja immerhin mal anregungen.🙂

    • tina201301 schreibt:

      Vielen Dank für den Kommentar und den Link! Ich hatte mir schon mit einer_m anderen Leser_in Gedanken darüber gemacht, ob Gaffen eine Machtausübung darstellt, die dann eigentlich auch entsprechend angesprochen werden könnte. In der Zwischenzeit glaube ich immer mehr, dass das der Fall ist. Vielleicht schreibe ich noch einmal etwas darüber.

  2. doro schreibt:

    Du hast wirklich Recht: Es bräuchte auch einen Aufschrei im Blick auf Transphobie. Neulich etwa an der Rezeption: „Sind sie dann lesbisch“? – als ob es so eine Person, die einen persönlich gar nicht kennt, irgendetwas angeht… – da sollte man vielleicht einfach mal umgekehrt vor allen Leuten fragen: „Wie ist denn ihre sexuelle Orientierung derzeit?“ – nur, damit diejenige mal merkt, was für eine unverschämte Frage sie grade gestellt hat – denn wer würde so etwas an einer Rezeption sonst gefragt werden?

    • tina201301 schreibt:

      Ja, die unverschämten Fragen nerven total. Letztes Jahr bin ich von einer Krankenschwester bei der Aufnahme über alles mögliche ausgequetscht worden, irgendwann wurde es mir dann wirklich zu viel, glaube es war auch irgendeine Frage bzgl. Sexualität. Ich wollte sie aber auch nicht verärgern, da sie ja gerade mein Blut aufgenommen hat etc.
      Bei den Fragen nach meinem genitalen Status will ich auch immer mal zurückfragen: „und wie sind Sie denn so mit Ihren Schamlippen/ihrer Penislänge zufrieden?“. Ich glaube bloß, dass die meisten den Zusammenhang gar nicht verstehen würden. Einmal habe ich auch schon so gefragt, die Person hat zwar irgendwie darauf geantwortet, aber, glaube ich, nicht verstanden, warum ich sie das gefragt hat.

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